"Clean": Die Untiefen der Flüchtigkeit

26. März 2005, 22:30
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Einer der besten Filme von Olivier Assayas: "Clean" mit Maggie Cheung als ehemalige Beinahe-Popdiva

Bevor wir jetzt noch einmal die Geschichte des schon etwas überwuzelten Popstars nacherzählen, der sich von den Drogen freispielen und ein Comeback sowie ein neues Vertrauensverhältnis mit Verwandten und Freunden erarbeiten muss – nein, sagen wir doch einfach: Clean, der jüngste Film des französischen Autors und Regisseurs Olivier Assayas handelt zuallererst einmal von der Mechanik des Blicks in beschleunigten Zeiten.

Wenn etwas die "Handschrift" Assayas' entscheidend prägt, dann ist es eine Fähigkeit, mit sehr schnellen, zuerst flüchtig anmutenden Blickbewegungen Räume zu erschließen, Personen zu etablieren und zu "beschreiben".

Die Dinge sind in Fahrt, im Kino gestalten sich daraus Zeitskulpturen, und wenn die Personen, denen die Kamera dann manchmal nur wie nebenher folgen kann, durch irgendwelche Eigenschaften oder Ablenkungen gehemmt sind, entsteht daraus eine quälende Spannung. Wenn sie sich hingegen im Speed der urbanen Räume gehen lassen, ergibt das andererseits ein denkwürdig befriedigendes "Erwachen", wie wenn sich ein Popsong in einem traumhaften Refrain entlädt. Vergänglich. Unvergesslich.

So ein Film ist auch Clean – geprägt von einem beständigen Suchen nach Anhaltspunkten und Stützen, wenn man so will – zuerst in der leicht bedröhnten Stimmung nach der x-ten Drogen-Konsumation, dann im Versuch, den Beschädigungen eine neue Würde abzugewinnen. Niemand verkörpert diese Würde eindrucksvoller als Nick Nolte, der ziemlich gnadenlos gealtert, einen milden, oft ratlosen, in seinen Einschätzungen der Lage – Sohn tot, Schwiegertochter daneben, Enkel irritiert – ziemlich nüchternen Großvater abgibt.

Gleichzeitig Maggie Cheung – im Gewirr von Clubs, Restaurants, in denen sie, beständig als "unverlässlich" beargwöhnt, Nebenjobs annehmen muss, fortwährend auf der Suche, immer am Rande zur Panik, und dann kommt es zum Beispiel in einem Zoo zu folgender Szene: Ein Kind, einmal wider alle Vernunft, der "unverlässlichen" Mutter überlassen, nützt einen unbeobachteten Moment, um abzuhauen. Hektisch irrt Cheung vorbei an Käfigen, vor denen man mit dem Kunsttheoretiker John Berger nur sagen kann: "Tiere blicken uns an."

Dass Clean vor solchen Irritationen (einem nie zustande kommenden Gespräch mit TripHop-Star Tricky etwa) und Diskrepanzen irgendwann weniger zu einem Happy End als eher zu einem kurzen Moment der Ruhe (für neue Anläufe ins Leere?) findet, ist fast logisch. Und Olivier Assayas, der zuletzt mit Filmen wie Demonlover selbst ein wenig Bodenhaftung verloren zu haben schien – hier ist er erneut auf der Höhe seiner Kunst und Weltwahrnehmung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Viennale-Beilage, 23./24.10.2004)

Von
Claus Philipp

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    foto: viennale
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