Tricks, die den Wald belasten

25. Februar 2005, 10:29
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Biotopschutz fehlt, Kostendruck regiert, Strafen schrecken nicht

"Man muss sich fragen, ob das Forstgesetz überhaupt gilt", formuliert Andreas Tschugguel vom Kuratorium Wald sarkastisch. Da wurde das Forstgesetz vor drei Jahren novelliert - unter anderem, um in so genannten Biotopschutzwäldern einige im Wirtschaftswald wichtige Verpflichtungen (wie die Schädlingsbekämpfung) außer Kraft setzen zu können. "Es wäre längst überfällig, dass Biotopschutzwälder geschaffen werden, aber das Wissen darum scheint nicht einmal in den Nationalparks weit verbreitet zu sein", sagt Tschugguel.

Dem Umweltschützer geht es aber auch um den Wirtschaftswald: "Da scheint es oft so zu sein, dass zwischen Waldbesitzern und Behörden ein gewisses Einverständnis herrscht, dass man gewisse Dinge praeter legem, also ohne Rechtsgrundlage macht." Da gäbe es etwa kleine Kahlschläge, die durchaus bewilligungsfähig wären. Nur wird stillschweigend "übersehen", dass da überhaupt Bewilligungspflicht herrscht.

Trickreich umgehen

Dazu muss man wissen, dass das Forstrecht kleine Eingriffe - Rodungen bis zur Größe eines halben Hektars - ohne Bewilligung zulässt. Darüber hinaus gehende Kahlschläge dürfen nur maximal zwei, ausnahmsweise auch einmal drei Hektar (bei einer maximal 50 Meter breiten Schneise) sein.

Aber dies lässt sich trickreich umgehen, erzählt Gerhard Fischer, ein langjähriger Mitarbeiter der Bundesforste, der seine forstliche Expertise heute beim Nationalpark Kalkalpen einbringt: "Ebenso wie Schlägerungen bis zu einem halben Hektar bewilligungsfrei sind, kann und muss man natürlich immer wieder durchforsten, ohne die Behörde zu fragen." Dieses "Auflichten" ist ein an sich ökologisch und waldbaulich wünschenswerter Eingriff, bei dem einzelne Stämme geschlägert werden, wodurch andere mehr Licht und Luft zum Wachstum haben.

Windwurf absehbar

Wenn aber zu wenige Bäume stehen gelassen werden? Dann ist der Bestand anfälliger für Windbruch: Dann ist eine große, vorher stark aufgelichtete Waldfläche möglicher-, ja erwartbarerweise Opfer eines Sturms. Und solche Sturmschäden müssen - allein wegen der Käfergefahr - dann wieder rasch aufgearbeitet, sprich: abgeholzt werden.

So können unter Umständen viel größere Kahlflächen entstehen, als sie Gesetz oder Behörde vorsehen würden. "Vor ein paar Jahren noch ist das in der Forstzeitung sogar ernsthaft als waldbaulicher Versuch dargestellt worden", erinnert sich Fischer.

Kleine Familienbetriebe kämen kaum in die Verlegenheit, so etwas zu machen, sagt Gottfried Schruf, der in Schwarzau im Gebirge einen so vorbildlichen Forstbetrieb hat, dass er sogar mit einem Staatspreis ausgezeichnet wurde. Das "Gschoada"-Gut von Schruf muss natürlich auch mit Windwurf rechnen - aber eine schonende Waldwirtschaft sei eben doch die beste Versicherung dagegen, dass der Wald an Wert einbüßt, sagt Schruf im STANDARD-Gespräch: "Die größten Sünden der Großbetriebe liegen in der Übernutzung - sie schlägern mehr als der Betrieb hergibt. Der Eigentümer will Geld sehen, der Betriebsführer rechnet: So und so viel geht sich aus, bis zu meiner Pensionierung zu entnehmen."

Hinter ihm die Sintflut

"Großbetriebe, bis hin zu den Bundesforsten, arbeiten für Geld, nicht für den Wald", urteilt Schruf. Ganz legal.

Und wenn im Wald dennoch gegen das Gesetz verstoßen wird? Forstexperte Fischer will keinen konkreten Fall kennen, meint aber, "dass es sich bei manchen Strafdrohungen um eine Bagatelle handelt". Umweltschützer Tschugguel ergänzt: "Wenn man nicht sehr exponiert ist, dann kann man es wohl darauf ankommen lassen, allenfalls doch gestraft zu werden." (cs/DER STANDARD; Printausgabe, 17.11.2004)

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