Keine Schraube locker

6. April 2005, 17:04
posten

Eine ehemalige Schraubenfabrik in Wien-Leopoldstadt wurde zu einem hippen Office-Loft, das bei jungen Gründern wegen des WG-artigen Communityfeelings beliebt ist

Die Bauchschmerzen dauerten nur wenige Tage. Sagen Stefan Leitner-Sidl und Michael Pöll jedenfalls heute. Aber ob die beiden Betreiber einer kleinen Marktforschungsagentur damals - 2002 - nun tatsächlich keine oder doch nur einige schlaflose Nächte hatten, spielt heute eigentlich keine Rolle mehr: Dass das Projekt Schraubenfabrik aufgeht, ist mittlerweile verbürgt. Schließlich sind aus dem einen Loft-Geschoß in der Wiener Leopoldstadt zwei Großbüro-Etagen geworden.

Schwesterfiliale

Und damit, dass die beiden Office-Erfinder mit der Hutfabrik in Wien-Mariahilf bereits die erste Schwesterfiliale der Schraubenfabrik eröffnet haben, ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht: "Der Bedarf nach dieser Form des Büroraumes ist vorhanden", analysiert Pöll anhand jener Anfragen, die laufend bei den beiden Fabrikgründern eintrudeln, "wir sind im siebenten Bezirk auf der Suche nach einem Objekt - und haben auch schon daran gedacht, in den Ballungsräumen der Region die Fühler auszustrecken."

Aber der Reihe nach. Denn am Anfang, 2002, war es keineswegs so eine klare Sache, dass die Marktforscher sich einst vornehmlich mit Facility- und Mieterbetreuung beschäftigen würden. Auf der Suche nach einem Büro stießen die beiden auf jene 700 Quadratmeter große ehemalige Fabriksetage in einem Leopoldstädter Hinterhof, die bis vor etwa zehn Jahren Teil der Schraubenniederlassung Wilde gewesen war: Die alte Fabrik war gerade von der auf Gratisflyer und -postkarten spezialisierten Firma Free Card angemietet worden. Free Card brauchte aber nur das Erdgeschoß - und suchte Untermieter.

"Es war eine Bauchentscheidung, da reinzugehen", sagt Leitner-Siedl heute, "ohne jeden Businessplan." Freilich: Aus eigener Erfahrung wussten die beiden, dass manchem jungen Gründer, der "daheim um 14 Uhr in der Unterhose vor dem Computer sitzt" (Pöll), oft nicht nur die Decke auf den Kopf fällt, sondern oft auch infrastrukturelle (Fax, Server, Besprechungsraum) und soziohygienische (den ganzen Tag ohne Ansprache) Faktoren zum Verhängnis werden: Dass in der Schraubenfabrik genau das geboten wird, sprach sich schnell herum - die erste Community-Lab-Etage war rasch voll, die zweite wurde angemietet.

Office und mehr

Für rund 300 Euro im Monat bekommen die Kleingründer alles, was ein Büro von einem Schreibtisch unterscheidet: Wuzzler, Feste, Kaffeemaschine und Betriebsausflüge inklusive - aber keine Wände und Türen zwischen den Mietern. Und während der erst neulich als "Head of Corporate Instinct" ("klingt super, oder?") ins Betreuungsteam geholte Hermann Redlingshofer schmunzelt, dass just dieses Fehlen von Wänden für die offiziellen Gründer-Unterstützer vom WWFF (Wiener Wirtschaftsförderungsfonds) als Argument für die Nichtförderwürdigkeit des Projektes herangezogen wird, hat gerade die räumliche Offenheit symbiotische Prozesse erzeugt.

Consulting über die eigenen Bereichsgrenzen hinaus ist Alltag, Auftragsvergaben von Tisch zu Tisch kommen auch vor (man weiß schließlich, wie der Nachbar arbeitet) und auch thematische "De-facto-Fusionen" (Leitner-Siedl) haben schon stattgefunden: Das in der Wiener Szene durch seine bartechnische Betreuung von Art-Events samt Herankarren des kunstaffinen Publikums via Mailingliste bekannte Label Kunstcocktail etwa arbeite längst so gut wie ständig mit der PR-Firma "die Jungs" zusammen. Und dass die Flyer meist von Free Card kämen, sei auch schon beinahe Tradition.

Platzsorgen

Freilich plagen die Schraubenfabrikanten mitunter auch Sorgen. Von denen, die sich bei Pöll und Leitner-Siedl eingemietet haben, ist noch keiner in den Konkurs oder die Pleite geschlittert. Im Gegenteil: Manche der als Einpersonenfirmen eingezogenen Unternehmen haben bereits einen oder mehrere Angestellte - doch der Platz der Lofts ist beschränkt: "Unser Problem", heißt es in der Office-WG deshalb, "heißt Wachstum. Da müssen wir uns echt bald was überlegen." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2004)

  • Für rund 300 Euro im Monat bekommen die Kleingründer in der "Schraubenfabrik" alles, was ein Büro von einem Schreibtisch unterscheidet.
    foto: schraubenfabrik

    Für rund 300 Euro im Monat bekommen die Kleingründer in der "Schraubenfabrik" alles, was ein Büro von einem Schreibtisch unterscheidet.

Share if you care.