"Ich bin ein klassischer Sparbuchsparer"

6. Dezember 2004, 12:07
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Der frühere Finanz­minister Ferdinand Lacina erklärt im STANDARD-Gespräch, warum er keine Aktien besitzt und warum Topmanager von Börsenfirmen ihre Gagen verpflichtend ausweisen sollen

STANDARD: Sie beschäftigen sich intensiv mit der Pflichten-Definition für Aufsichtsräte von börsennotierten Gesellschaften in Österreich und referieren derzeit oft zu diesem Thema. Welche Aktien besitzen Sie?

Lacina: Gar keine.

STANDARD: Also sind Sie auf der sicheren Seite in Anleihen und Immobilien investiert?

Lacina: Nein, ich bin ein klassischer Sparbuchsparer, Wertpapiere und Vorsorgewohnungen habe ich nicht. Ich will mir einfach nicht täglich darüber den Kopf zerbrechen müssen.

STANDARD: Na ja, da gibt es ja nicht nur "Teufelszeug", es bieten sich ja auch ganz konservative Dividendentitel an.

Lacina: Ach, auch die Dividendenkaiser von heute können morgen gefallen sein, denken Sie an ABB. Ich halte es da mit Bruno Kreisky, der zitierte, man müsse nur lang genug am Fluss sitzen, um Leichen vorbeischwimmen zu sehen.

STANDARD: Wie verträgt sich eine Sparbuch-Einstellung mit Ihrem Engagement für die Verbesserung der Aufsichtsratsqualität?

Lacina: Ich muss doch wohl nicht spekulieren, um mich dafür zu interessieren. Mein Ansatz ist die Zusammenführung von Arbeit und Kapital, das hat mich schon in meinem ersten Job in der Arbeiterkammer interessiert.

STANDARD: Was stört Sie denn am ganzen Börsenzirkus am meisten?

Lacina: Die Kurzfristigkeit und die Herrschaft der Analysten, ihre Macht ist ja wesentlich größer als die der Aufsichtsräte. Jedes Quartalsergebnis wird zu einem Ereignis aufgeblasen. Quartalszahlen sagen gar nichts aus. Die tägliche Befindlichkeit wird kommuniziert - das ist absurd. Analysten müssen von Unternehmen unterhalten werden, etwa auf Roadshows, das ist ja manchmal schon die reinste Unterhaltungsindustrie.

STANDARD: In Österreich findet solches aber im Vergleich zu den USA doch abgemildert statt, oder?

Lacina: Ja, zum Glück, zu uns kommt vieles später und abgeschwächt. Nur: Uns ist nichts Besseres eingefallen, als Aktienoptionen steuerfrei zu stellen. Das ist falsch. Die gehören natürlich zur Einkommensteuer. Es ist ein Irrweg, dass sich Vorstände nur um Aktienkurse und Aktionäre kümmern.

STANDARD: Zum Aufsichtsrat: Das Justizressort hat Bestrebungen, Regeln aus dem Corporate-Governance-Kodex in das Aktienrecht aufzunehmen. Was soll hinein?

Lacina: Überkreuzverflechtungen gehören untersagt. Das ist in anderen Ländern längst abgeschafft. Und eine Beschränkung der Mandate auf fünf außerhalb von Konzerngesellschaften kann ruhig auch verankert werden. Sonst halte ich von einer gesetzlichen Überregulierung nicht sehr viel.

STANDARD: Verdienen Aufsichtsräte in Österreich zu wenig, wie auch der Kapitalmarktbeauftragte der Regierung, Richard Schenz, sagt?

Lacina: Wenn es einer Gesellschaft schlecht geht, dann arbeiten manche Aufsichtsräte sehr hart. Trotzdem sind höhere Entgelte schwer zu argumentieren. Was wollen Sie denn in der Hauptversammlung sagen, wenn Aktionäre keine Dividende erhalten, die Aufsichtsräte aber dafür mehr kriegen? Das ist nicht durchzuhalten.

STANDARD: Sollen Vorstände börsennotierter Gesellschaften ihre Gagen verpflichtend ausweisen müssen?

Lacina: Ja. Es ist von öffentlichem Interesse, was die Verantwortlichen börsennotierter Unternehmen erhalten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2004)

Zur Person

Exfinanzminister Ferdinand Lacina (61) ist Berater der Bank Austria Creditanstalt, Aufsichtsratschef des Autozulieferers Eybl und hat drei weitere Aufsichtsratsmandate. Zuletzt hat er gemeinsam mit Linz-Textil-Chef Dionys Lehner an der österreichischen Industriegeschichte geschrieben. Am 25. 11. referiert er bei einer Tagung des Businesscircle im Wiener Hotel Intercontinental zur Rolle des Aufsichtsrates bei der Professionalisierung der Unternehmensaufsicht.

Das Gespräch führte Karin Bauer.
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