"Zunehmende Dynamik erst 2006"

2. Dezember 2004, 16:20
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Negative Signale dämpfen die Hoffnungen auf einen Aufschwung im kommenden Jahr. Für Österreich pendeln sich die Erwartungen derzeit bei rund zwei Prozent Wachstum für 2005 ein

Wien – Spätestens seit den letztwöchigen "Wachstumszahlen" für das dritte Quartal in Deutschland und Frankreich von lediglich 0,1 Prozent ist bei den Konjunkturprognostikern Feuer am Dach. Am Dienstag setzte der Ifo-Index für die Eurozone noch eins drauf: Die aktuelle Geschäftslage wird zwar besser eingeschätzt als bei der letzten Erhebung des Münchner Institutes, doch der Erwartungsindex für die nächsten sechs Monate sank auf den tiefsten Wert seit dem Frühjahr 2003.

Optimistisch ist die Ifo-Einschätzung für Irland und Finnland, am schlechtesten beurteilt wird die wirtschaftliche Situation in den Niederlanden, Portugal, Italien und Deutschland. Die EU-Kommission hat wegen der nach wie vor relativ hohen Ölpreise die Wachstumserwartung für die Eurozone bereits um 0,3 Prozentpunkte auf zwei Prozent für 2005 gesenkt.

Trübe Aussichten für Deutschland

Die trüben Aussichten insbesondere für Österreichs Haupthandelspartner Deutschland, wo die "Wirtschaftsweisen" entgegen der Regierungsprognose von 1,7 Prozent für 2005 nur noch ein Wachstum von 1,4 Prozent erwarten, dämpfen auch hier zu Lande die Konjunkturhoffnungen. Zwar präsentieren die beiden maßgeblichen Institute, das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und das Institut für Höhere Studien (IHS), erst am 22. Dezember ihre neuen Schätzungen für 2005 und 2006, doch schon jetzt scheint klar, dass der ersehnte Aufschwung neuerlich um ein Jahr verschoben werden muss.

Für Wifo-Experten Markus Marterbauer "wachsen die Konjunkturrisiken deutlich". Am wichtigsten sei dabei die ungünstige Kursentwicklung des Euro zum US-Dollar. IHS-Experte Helmut Hofer sagt: "Es schaut nicht mehr so gut aus wie im Sommer." Angesichts der sich abschwächenden Welthandelsdynamik samt der absehbaren Auswirkungen auf die heimischen Exporte sei "das große Fragezeichen, wie sich die Binnennachfrage" entwickeln wird.

Was die Konjunkturforscher mit Rücksicht auf ihre eigenen Prognosen noch diplomatisch umschreiben, sprechen Ökonomen wie Stefan Bruckbauer von der Bank Austria Credit^anstalt mittlerweile klar aus: "Es wird 2005 gar keine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums geben. Wir schätzen zwei Prozent Wachstum für heuer und zwei Prozent für nächstes Jahr. Zunehmende Dynamik ist erst 2006 zu erwarten."

Dennoch Verdopplung

Freilich wäre ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent immer noch eine Verdopplung des durchschnittlichen Wachstums der Jahre 2001 bis 2003, als das Bruttoinlandsprodukt nur um 0,8 Prozent, 1,4 Prozent und schließlich 0,7 Prozent zulegte. Optimisten, wie Hans-Georg Kantner vom Kreditschutzverband, merken außerdem an, dass Faktoren wie die derzeit niedrigen Zinsen oder Österreichs Stellung auf den Wachstumsmärkten der Beitrittsländer "keinen Grund zum Pessimismus" bieten.

Die Industrie, aufgrund der Exporterfolge bisheriger Wachstumstreiber in Österreich, schlägt sich allerdings zunehmend selbst auf die Seite der Pessimisten. IV-Chefökonom Christian Helmenstein sagt: "Der Zweier vor dem Komma für 2005 ist noch ganz gut abgesichert. Es ist kein Zurückgleiten in eine stagnative Phase zu erwarten. Aber der Aufschwung schwächt sich ab."

Schlechte Nachrichten also für das Budget. Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat für 2005 noch ein Wachstum von 2,5 Prozent aus der Wifo-Prognose vom Juli unterstellt. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.11.2004)

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