Metall fährt durchs Holz

25. Februar 2005, 10:29
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"waldmusik für ein venezianisches sägewerk" heißt eine der ungewöhnlichsten musikalischen Werke

"waldmusik für ein venezianisches sägewerk" heißt eines der ungewöhnlichsten Werke des experimentell arbeitenden Osttiroler Komponisten, Dirigenten und Organisten Wolfgang Mitterer, eines der wichtigsten Vertreter neuer elektronischer Musik in Österreich. Das Stück für "3 holzarbeiter, singstimme, dialektsprecher, 13 hackbrettspieler und lautsprecher" hatte Mitterer für ein mittlerweile rares Objekt geschrieben: Die 1883 errichtete "Wegelate-Säge" im hintersten Osttiroler Villgratental.

Das nach dem Besitzer benannte kleine Sägewerk auf 1600 Metern Seehöhe war bis zum Jahr 1967 in Betrieb. Für die "einwandfreie Restaurierung" dieses Industriedenkmals vor zwölf Jahren erhielt der Villgrater Heimatpflegeverband den Europa-Nostra-Preis. Vor der Uraufführung seiner "waldmusik" 1994 im Rahmen des mehrjährigen Kunstprojekts "Villgrater Kulturwiese" verstärkte Mitterer die Säge elektronisch: "Wo ich stehe, spüre ich Metall durch das Holz fahren", notierte die damalige Dorfschreiberin der "Kulturwiese", die Südtiroler Schriftstellerin Anita Pichler.

Die "Wegelate-Säge" ist das seltene Exemplar einer "Venezianersäge", wie sie seit dem 16. Jahrhundert von italienischen Holzhändlern im südlichen Alpenraum verbreitet wurden. In Wasserbetrieben, die mit nur einem Sägeblatt ausgestattet waren, bedurfte es mehrerer Arbeitsgänge und einer Viertelstunde, um einen Baumstamm zu meistern. Eine Venezianersäge war leicht zu bedienen und nach einer Zerstörung durch Lawinen rasch wieder aufgebaut.

Heute dient die Wegelate-Säge der Instandsetzung von alter Bausubstanz und steht wie die "waldmusik" symbolisch für eines der originellsten ländlichen Kulturprojekte Österreichs: Nach einem nicht aufgeklärten Brandanschlag hatte die "Kulturwiese" nämlich ein jähes Ende gefunden. (bs, Der Standard, Printausgabe, 16.11.2004)

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