Microsoft gegen Rest der Welt, Version 2.0

2. Dezember 2004, 11:19
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Das Jahr 2004 hat bemerkenswerte Parallelen zu früheren Dekaden der PC-Konkurrenz - Aber trotz seines prall gefüllten Geldspeichers ist Microsoft der Sieg nicht gewiss

Nichts weckt das Interesse des zahlenden Publikums mehr als heftige Konkurrenz, noch dazu, wenn sie von Kultfiguren wie Bill Gates und Steve Jobs bestritten wird. Viele Jahre sah die PC-Welt ziemlich langweilig aus, nachdem Microsoft das Match gegen Apple für sich entschieden hatte und Konkurrenten wie Novell (Exmarktführer bei PC-Netzwerken), WordPerfect (Exmarktführung bei Textverarbeitung), Lotus (Exmarktführer bei Spreadsheets) oder Netscape (Exmarktführer bei Webbrowsern) aus dem Rennen gedrängt hatte.

Anteilsverluste für IE

Aber das heurige Jahr hat frischen Wind und Aussicht auf neue heftige Wettkämpfe gebracht. Nachdem bisher vor allem das Open-Source-Betriebssystem Linux Schlagzeilen machte (wie bei der Entscheidung von München und Wien zum großflächigen Einsatz) bricht erneute Konkurrenz an allen Enden und Ecken aus. Vergangenen Donnerstag debütierte die erste reguläre Version des Webbrowsers Firefox, nachdem in den vergangenen Monaten der Explorer erstmals seit Jahren Anteilsverluste verzeichnete. Apple stellte Ende Oktober bereits die vierte Generation seines iPod vor, der wie der iTunes Music Store immer neue Verkaufsrekorde meldet. Indessen hat Microsoft den Fehdehandschuh aufgegriffen, mit einem eigenen Musikdienst und dem mobilen Windows Media Center - eine Art iPod, der auch Filme spielt.

Aug um Aug

Google, inzwischen der König von "Search" (Websuche), dringt mit einem kleinen Programm, "Google Desktop", unmittelbar in das Revier von Microsoft ein: Volltextsuche nach Dateien auf dem eigenen PC - ein Bereich, den Windows bisher kläglich vernachlässigte. Im Gegenzug hat Microsoft nach Jahren der Entwicklungsarbeit endlich selbst eine Suchmaschine gestartet (einstweilen als "Beta", also eine Vorversion), Desktopsuche ist weiterhin erst im Stadium der Ankündigung.

Aber auch Microsoft kann Erfolge verbuchen: Vergangene Woche hielt PocketPC (Windows für die Tasche) erstmals die relative Mehrheit auf dem Markt für Organizer-Betriebssysteme, bisher die Domäne von Palm. Möglicherweise nur ein Etappensieg: Denn bei "Smartphones" (Handy und Organizer in einem) liegt Symbian (ein Konsortium unter Nokia-Führung) weit vor Windows Mobile - und der Trend geht von reinen PDA-Lösungen (Organizern) zu kombinierten Geräten, also derzeit Richtung Symbian.

Geschichte des langen Atems

Zwar hat Microsoft eine Geschichte des langen Atems: Selten hat das Unternehmen revolutionäre Produkte auf den Markt gebracht; meist war es Beharrlichkeit und schier unerschöpfliches Kapital, das über viele Versionen (wie bei Windows, Office und dem Explorer) endlich zum De-facto- Monopol führte. Jetzt sieht es hingegen so aus, als ob auch Microsoft durch sein Engagement an fast allen möglichen Fronten seine Reichweite überdehnt. Von Web-TV bis zu Musik, von Spielkonsolen und Unternehmenssoftware bis zum Handy: Fast überall steckt Microsoft das Geld hinein, das es mit Windows und Office verdient; die Erträge aus dem Engagement sind einstweilen gering. Und Konsumenten, vom täglichen Kampf gegen Viren und Würmer ermüdet, beginnen Interesse an den Alternativen zu entwickeln. (Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe, 16.11.2004)

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