Schwarze Moralfolklore

von Redaktion  |  25. November 2004, 19:25

Nicht nur erfolgreiche neokonservative Politik muss auf den Bauch der Wähler zielen - Von Barbara Tóth

In der ÖVP-Parteizentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse, dort, wo die Außendarstellung der Partei entworfen und koordiniert wird, ist dieser Tage viel von den "drei Gs" die Rede. "God, Gays & Guns", mit diesem Wertekanon hat US-Präsident George Bush seine Wiederwahl gesichert.

Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel setzt auf moralische Wahlkampfparolen für seinen nächsten Wahlsieg. Seit die ÖVP Österreich regiert, hat sie sich konsequent zur Wertepartei stilisiert. Nur die Signalwörter sind andere: Denn mit Glaube, Waffen und Antihomosexuellenpropaganda lässt sich in Österreich keine Wahl gewinnen - mit einer Rückbesinnung auf das, was der (ländlichen) Mehrheit im Land wichtig und "wert" ist, allerdings schon.

Eigentum, Heimat, Familie nennt die ÖVP daher ihre Moralpfeiler, die sie im allgemeinen Bewusstsein zu verankern versucht.

Neokonservative Politik made in Austria kommt allerdings in unverfänglicherem Gewand daher als ihr moraltriefendes amerikanisches Vorbild. Lieber greifen die schwarzen Strategen auf folkloristische Modezitate (Lodenjanker, Dirndl), alpenländische Romantik (Bergkulisse, Erntedankfest) und gourmandistische Heimatliebe (Weinverkostungen, Tafelspitzkult) zurück. Bushs Erfolgsrezept, strenger Glaube und Gott, wird - außer in der Gedankenwelt von ÖVP- Nationalratspräsident Andreas Khol - nur in verträglichen Dosen verabreicht, schließlich spielt Religion nur für ein Drittel der Österreicher eine wichtige Rolle.

Alljährlicher Höhepunkt des schwarzen Schollenspektakels ist der ÖVP-Bundeskongress im Tiroler Bergbauerndorf Alpbach. Längst ist der Ort zu einer Art Alpen- Disneyland für Kongresstouristen geworden - als Kulisse für eine Partei, die sich als Allösterreicherfraktion versteht, passt er jedoch hervorragend.

Dass all diese demonstrative Heimatromantik durch eine Realpolitik konterkariert wird, die die Infrastruktur im ländlichen Raum konsequent ausdünnt, mag nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheinen.

Die ÖVP hat in den letzten Jahren Bezirkshauptmannschaften, Gendarmerieposten, Postämter und Gerichte, also jene Institutionen, die das Leben vor Ort bündeln, sukzessive dem Sparkurs geopfert. Das neoliberale Dogma des schlanken Staates muss auch auf das idyllischste Dorf angewendet werden.

Die neokonservative Wertefolklore, die die intakte Einheit der Gemeinschaft, die Familie, das Dorf, die Sonntagskirchgemeinschaft hochhält, hat also auch die Aufgabe, die Phantomschmerzen einer Gesellschaft zu lindern, deren gewachsene Strukturen immer schwächer werden - und deren Verunsicherung dadurch proportional steigt.

Das Bedürfnis nach Orientierung, nach Fundamenten, ist in Zeiten der Entwurzelung größer denn je. George Bush wählte als Antwort patriotische Religiosität, Wolfgang Schüssel bietet die "EHF"- Trias (Eigentum, Heimat, Familie). Beiden ist gemein, dass sie damit auf die immer stärker verunsicherte Mitte der Gesellschaft abzielen.

Die amerikanischen Demokraten haben den Wertewettlauf mit den Konservativen schon lange aufgenommen, die Wähler zog es aber einmal mehr zum "real thing". In Österreich ist die Wertedebatte, wie in ganz Europa, vorwiegend konservativ besetztes Terrain. Begriffe wie Heimat und Familie werden nicht mit der Sozialdemokratie assoziiert, am ehesten können die umweltbewussten Grünen beim Heimatgefühl mithalten.

Egal, ob es nun die "drei Gs" Bushs sind oder Schüssels "EHF": Gefühle und Emotionen bestimmen wieder stärker die Politik. Längst geht es nicht mehr darum, wer das bessere Konzept zur Pensions-oder Arbeitsmarktreform hat. Einschnitte erwartet der Bürger von links wie von rechts, den Glauben an Staatsinterventionismus hat er längst verloren. Er wünscht sich Orientierung und Sinn. Nicht nur erfolgreiche neokonservative Politik muss daher auf den Bauch und nicht auf den Kopf allein abzielen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2004)

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REKTOSKOP: Lärm aus dem Volksgedärm 
15.11.2004 22:33
Wenn man das alles da unten liest, kriegt man den Verdacht die rote Parteizentrale versteckt sich hinter F*** the ÖVP.

F*** the ÖVP 
16.11.2004 00:03
Aber sicher

Die SPÖ-Parteizentrale wird hier laut und öffentlich über ihre Wahlkampfstrategie 2006 nachdenken...

Meine Rolle müssen Sie sich als die eines weltgewandten Fußball-Feinschmeckers vorstellen, der sich ein Landesliga-Match zwischen SPÖ und ÖVP ansehen MUSS. Dem zwar klar ist, dass hierzulande keine Cruyffs, Laudrups und Thierry Henris über den Rasen laufen, dem aber irgendwann nach dem 27. vergebenen Elfmeter der SPÖ der Kragen geplatz ist und der jetzt Richtung Spielfeld schreit:

"Was is des da für a Hundskick!... Heast Cap, pass ume, da Broukal steht vorn ganz frei! Der nächste Fehlpass!... Und schon wieder a Tor für die ÖVP!... Was macht der Darabos da? Heast!... Gusi, oh Gott! Und verdribbelt si scho wieder! Austauschen des Weh!"

Melanie H
15.11.2004 22:54
*lol*

da irren Sie aber sehr. F*** ist garantiert kein Roter... und sicher keiner, der sich von einer Parteizentrale einspannen lassen würde.

F*** the ÖVP 
15.11.2004 23:37
Merci vielmals, verehrte Melanie

Ja, es ist wahr: Ich bin in der Tat (und auch im Wort) kein Roter. Mein politisches Bewusstsein wurde während Zwentendorf, Hainburg, Lucona-Skandal geformt - ich habe die damals übermächtige SPÖ also von ihrer unangenehmen Seite kennengelernt und eine gewisse Aversion bis heute behalten.

Ich mag es allerdings auch nicht, irgendwelche aufgewärmten Reste aus Thatcherismus und Reagonomics vorgesetzt zu bekommen. Und diesen plumpen Österreich-Abklatsch von Bushs "Neoconomy" als Dessert schick ich auch zurück.

Ich hab es aber auch satt, dieses unsägliche Treiben von Amateuren wie Gusenbauer und Darabos mitansehen zu müssen. Hey, ihr Loser in der Löwelstraße, ich möchte einen echten Schlagabtausch sehen und nicht diese einseitige Partie!

F*** the ÖVP 
15.11.2004 16:12
"God, Gays und Guns" sind sogenannte "wedge issues"

Sind also Themen, die emotional derart aufgeladen sind ("God" fungiert dabei übrigens als Codewort für Abtreibung), dass sie einen Keil zwischen existierende Parteizugehörigkeiten und -präferenzen treiben können. Mit anderen Worten: Ein Amerikaner, der eigentlich die Demokraten wählen würde und aus ökonomischem Interesse auch allen Grund dazu hätte, wird durch ein einziges Thema - Abtreibung, Homo-Ehe, uneingeschränktes Recht auf privaten Waffenbesitz - davon abgebracht und wählt stattdessen die Republikaner.

"God, Gays und Guns" taugen in Österreich nicht als "wedge issues", weil der Zeitgeist da gegen die ÖVP arbeitet.

"Eigentum, Heimat, Familie" sind keine "wedge issues", sondern bloß ideologische Versatzstücke und Polit-Dekor.

REKTOSKOP: Lärm aus dem Volksgedärm 
15.11.2004 22:25
Das Rotkaeppchen
15.11.2004 13:55
Moik Mariazell und Marillenschnaps

Bernd Kinschner
15.11.2004 12:10
Pseudowerte

die von der ÖVP vertretenen Werte sind Pseudowerte. Das Eigentum wird uns von ihr immer mehr genommen, die Bildung verhindert, unsere Heimat hat sich die ÖVP schon unter den Nagel gerissen und verwaltet sie (lieb und) teuer, die Familie steht auch nur pseudomäßig im Vordergrund, wer Kinder hat weiß wovon ich rede. Wachsende Kosten allüberall, weniger Leistungen und gleichbleibende bzw. real sinkende Einkommen.
Als aktiver Christ habe ich das Empfinden, dass sich die ÖVP von ihren Grundwerten (und der Kirche) schon verabschiedet hat. Heute treffe ich eher (allerdings auch orientierungs- und wertelose) "Rote" in der Kirche.
Um Werte einzubringen müssten sich Christen stärker engagieren, am besten in einer eigenen Gruppe (nicht Partei!).

Edgar Pree
15.11.2004 16:01
Es gibt halt verschiedene Christen

Ich bin auch einer, zähle aber zu denen, die an den Sozialismus gar nicht glauben, im Gegensatz zum Mainstream der heutigen katholischen Organisationen in Österreich. Mein Verstand spricht für eine größere Dosis "Neoliberalismus", wie das Schimpfwort heißt. Ich halte die Phrasen von Caritasundiakonie nicht aus und die Propaganda der Kirchenzeitung gegen die Pensionsreform. Sehe bei aller Kritik, die mir reichlich einfiele, weniger Alternative denn je zur ÖVP. Wenn Sie Familie mit Kindern schätzen, wer ist da noch, außer die FPÖ?
Die Ideologie von Frau Toth, die aus dem Artikel trieft, ist sowieso in allen Punkten bankrott.

René Herndl
15.11.2004 15:42
Recht so,....

...die christlichen Werte sollten wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt werden! Fragt sich nur welche konkret? Das diktatorisch hirarchisch gegliederte Führungsprinzip, die Inquisition, die Ausbeutung von Nichtchristen, die feudalistischen Wirtschaftsprinzipien, oder etwa gar wieder die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen etc? Khol wäre sicher dafür!

Durga
15.11.2004 13:35
Vollkommen einverstanden!

Die ÖVP zieht doch nur diese ganze Folklore auf, um von ihrer neoliberalen "Was kein Geld bringt, brauch ma net"-Politik abzulenken. Mit Werten (außer Geld-... - schlechtes Wortspiel... *g*) hat das kaum was zu tun....

sleepyc
15.11.2004 13:26
christen oder katholiken?

Durga
15.11.2004 14:41
Ja, ja, immer diese gottlosen Papisten... *g*

Bernd Kinschner
15.11.2004 14:39
Christen natürlich

Andreas K
15.11.2004 11:56
was an den alpen noch romantisch sein soll

muß mir mal jemand erklären...
da ist es in der neubaugasse ja schon lange romantischer, als auf den alkoholdunst stinkenden schihütten in tirol...

Macho04
15.11.2004 12:57
Neubaugasse

Aber auch nur jetzt, seitdem wieder der Weihnachtsmarkt am Spittelberg seine Pforten geöffnet hat.

Manfred Gruber 
14.11.2004 22:03

Da würde mich aber dann schon interessieren welche "Bauchwerte" die Autorin für die Sozialdemolratie vorschlägt.

flieger1961
15.11.2004 07:45
Da sich Frau Tóth nicht meldet...

darf ich es versuchen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Owi lacht
15.11.2004 13:26
Grundwert Brüderlichkeit

Klingt ja ganz gut, aber was genau bedeutet "Brüderlichkeit"? Ist das sowas Ähnliches wie "Nächstenliebe". Oder "kein Sex unter Männern"?
Ist dieser Begriff überhaupt politisch korrekt, ich mein, von den Genderwächtern abgesegnet?

scrubby *****
15.11.2004 15:37
wie wärs mit geschwisterlichkeit?

Owi lacht
15.11.2004 17:20
Hab ich auch schon dran gedacht

Aber ich weiß nicht, ob wir da alle das Gleiche drunter verstehen. Geschwisterlichkeit im politischen Sinn erinnert mich fatal an die Haider-Geschwister. Und das kann es ja wirklich nicht sein. Besonders als Grundwert für die Sozialdemokraten.

Settembrini
15.11.2004 12:27
D´accord,...

...bitte Gleichheit durch "Chancengleichheit" zu ersetzen.

sleepyc
15.11.2004 13:26
wann waren chancen schon jemals gleich????

Manfred Gruber 
15.11.2004 09:49
Hätte ich bisher auch geglaubt

Aber wenn man den Artikel von Frau Toth liest, hat man stark den Eindruck, daß genau das nicht die richtigen "Bauchthemen" sind. Daher meine Frage.

F*** the ÖVP 
14.11.2004 22:46
FURCHT & ANGST (elementarere Emotionen gibt's nicht!)

ANGST ums eigene Leben. FURCHT um Hab und Gut.

Das WÄRE* die Erfolgsformel für die SPÖ im kommenden Wahlkampf. Die zentrale Botschaft müsste lauten:

ÜBERALL WIRD EINGEBROCHEN, DIE KRIMINALITÄTSRATE EXPLODIERT, DIE POLIZEI KAPITULIERT, DIE MENSCHEN SIND SCHUTZLOS! UND WARUM? WEIL DIESE REGIERUNG SIE IM STICH LÄSST, WACHZIMMER SCHLIESST UND POLIZEISTELLEN ABBAUT!

WIR VERSPRECHEN: KAMPF DER KRIMINALITÄT! MEHR POLIZEI AUF ÖSTERREICHS STRASSEN!

Vorteil: Bei dem Thema hätte man auch die "Krone" auf seiner Seite.

* WÄRE deshalb, weil die Loser in der Löwelstraße im Wahlkampf auf andere "Erfolgs"themen setzen werden, wie zB:

- Bildungsoffensive - "Österreich muss Finnland werden!"
- Anhebung der Pensionen um 0,02%! (evtl. nach Kassasturz)

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