Wildtöter und große weiße Jäger

25. Februar 2005, 10:29
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Kulturhistorisch gehört die Jagd eher zu den vorschriftlichen Kulturen als zur modernen Gesellschaft - von Bert Rebhandl

Kulturhistorisch gehört die Jagd eher zum Nomaden als zum Sesshaften, eher zu den vorschriftlichen Kulturen als zur modernen Gesellschaft

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James Fenimore Cooper schrieb den ersten Teil seiner Lederstrumpf-Romane im Jahr 1823. Es handelt sich dabei nicht um den Wildtöter, der in der inneren Chronologie der Geschichten voransteht und bis heute noch immer am meisten gelesen wird. Cooper begann mit dem Band The Pioneers (Die Ansiedler). Im Zentrum steht der Konflikt zwischen einer Dorfgemeinde sesshafter Menschen und einem alten Jäger, der als Außenseiter am Rande der Gemeinschaft lebt und auf sein altes Recht pocht, sich auf seine Weise mit Wild zu versorgen.

Held des ganzen Zyklus

Der Jäger ist natürlich Nathaniel "Natty" Bumppo, der Held des ganzen Zyklus, in dem es nicht nur um Ureinwohner und Zugereiste geht, sondern eben auch um die Frage des Überlebens in einer noch keineswegs kultivierten Landschaft. Bumppo folgt als Wildtöter einem Gesetz der Selbstversorgung. Er entnimmt der Natur, was er zum Leben braucht. Technologisch ist er noch keineswegs so hochgerüstet, dass die Jagd ein leichtes Spiel wäre. Seine Waffen sind primitiv. Er folgt einem Kodex, der nicht niedergeschrieben wurde.

Kulturhistorisch gehört die Jagd eher zum Nomaden als zum Sesshaften, eher zu den vorschriftlichen Kulturen als zur modernen Gesellschaft. In The Hunters, einem berühmten Dokumentarfilm von Robert Gardner aus dem Jahr 1957, sind Buschmänner im südlichen Afrika zu sehen, die einer Giraffe einen vergifteten Pfeil in den Hals schießen. Das Tier stirbt daran nicht sofort, sondern schleppt sich noch zwei Wochen durch die Savanne, bevor es schließlich zusammenbricht. Die Jagd besteht darin, die Spur der Giraffe nicht zu verlieren. Barfuß laufen die Buschmänner dahinter her. Sie riskieren dabei das eigene Leben, denn die Wasserlöcher sind rar. Es ist eine Konfrontation zwischen ungleichen Gattungen, aber keine asymmetrische Kriegsführung.

Karl Mays Vorstellungen vom Wilden Westen

Das Wohlfeile an Karl Mays Vorstellungen vom Wilden Westen ist schon daran zu ersehen, dass er seinen weißen Helden, das Greenhorn Scharlie, mit einer Schnellfeuerwaffe namens Henrystutzen in Ergänzung zum langsamen Bärentöter ausstattet, bevor er ihn unter die Apachen fallen lässt, wo er den Ehrentitel Old Shatterhand erwirbt. Zum Gentlemanjäger mit großer Entourage ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Die Traditionalisten halten dagegen die Regel der Verhältnismäßigkeit hoch. Mensch und Tier müssen einander auf Augenhöhe gegenüberstehen. Von Karl May bis zu Kevin Costner wird nur selten um des Erlegens willen gejagt. Demütig nehmen die Figuren in den "grünen" Western ihre Position in der Nahrungskette ein. Sie schießen den Bison tot und beuten ihn dann bis zur letzten Sehne aus - ein Naturverständnis, das seine Schwundstufe in autoritären Eltern hat, die ihre Kinder nicht vom Tisch aufstehen lassen, bevor sie den Teller nicht leer gegessen haben.

Feuerwaffen brachten die Jagd zum Sport

Erst mit der Erfindung der Feuerwaffen konnte die Jagd zum Sport werden. Erst mit der Erfindung der Eisenbahn konnten die Herren aus dem Osten so weit in die Prärie fahren, dass sie den Büffel schließlich beinahe aus der Schöpfungsliste strichen. Bis zum Horizont sind die Wiesen in einschlägigen Fotografien mit Bisonkadavern bedeckt.

Natty Bumppo ist eine der ersten Figuren, die unter dem Schwinden der Reviere leiden. Er hat schon eine Ahnung davon, dass das Wild eines Tages in Reservaten überleben wird. Der Jäger als kulturelle Figur entsteht aber gerade in diesen Zeiten, in denen das erlegbare Getier schon knapper wird. In der Lebensgeschichte von Ernest Hemingway kann man die letzte große Expansion des weißen Mannes nachlesen: Die Großwildjagd war für ihn nur ein Aspekt in einem rastlosen Streben nach viriler Bestätigung.

Hemingway war sein eigener Chronist

Die grünen Hügel Afrikas wurden ihm zu Orten einer Wahrheit im Morgenlicht - er suchte nach Epiphanien, die Trophäen nahm er nebenbei noch mit. Es war eine Zeit der Unschuld, als das Schießen auf große Tiere noch von internationalen Illustrierten beschrieben wurde. Hemingway war auch deswegen so erfolgreich, weil er bei der Jagd sein eigener Chronist und sein bestes Fotomodell war. Seit auch die Löwen und Elefanten eingehegt sind, hat die Jagd nur zwei Möglichkeiten: Sie überlebt in einer entschärften Variante, indem sie sich als Hege und Pflege ausgibt, mit Brauchtum umgibt und ihre Ausüber in Lodenkleidung hüllt.

Inbegriff dieses Jagens ist ein deutscher Sommerfrischler aus Osnabrück, der in den Siebzigerjahren regelmäßig nach Oberösterreich auf Urlaub kam, um einen Hirsch zu schießen, den er vorbestellt hatte wie eine Martinigans. Eines Tages sah dieser Sommerjäger vom Balkon seines Quartiers aus einen Bock am Waldrand stehen, konnte nicht widerstehen und schoss ihn einfach ab. Die kleine Affäre konnte beigelegt werden, aber man erinnert sich im Voralpenland bis heute an diesen Jagdgast - und an den Schuss, der am hellen Nachmittag die Hausfrauen im Garten aufstörte.

Männerbild

Die andere Möglichkeit ist ein Jagen, das sich ausdrücklich als Anachronismus kultiviert, der um der alten Zeiten, um der alten Klassenverhältnisse, um eines alten Männerbildes willen aufrechterhalten wird. Es gibt jedoch noch eine beunruhigende Tiefenschicht, die sich im Vorgang der Jagd zu erkennen gibt: Michael Ciminos Vietnamfilmklassiker Die durch die Hölle gehen beginnt mit einer Hochzeit und geht dann in eine lange Hochgebirgsjagd über, nur um dann recht umstandslos in eine Szene aus dem Krieg zu schneiden. Die Jagd auf das Hochwild erscheint als zivilisiertes Handeln, auf dessen Regeln man im Dschungelkampf nicht mehr zurückgreifen kann.

Jagd und Krieg

Der Krieg bringt das an der Bestie Mensch zum Vorschein, was in die Jagd nur oberflächlich sublimiert wurde. In einem weit gehend übersehenen Film aus dem Jahr 2003 wird das Verhältnis von Jagd und Krieg noch drastischer zu Ende gedacht: The Hunted von William Friedkin handelt von einem Mann, der aus dem Kosovo nach Amerika zurückkommt, dort aber nicht mehr richtig sesshaft wird. Er zieht sich in den Wald zurück und wird wieder zum Jäger. Es sind aber nicht Tiere, denen er hinterherspürt. Sein Objekt ist die erfolgreichste Spezies, die keinen natürlichen Feind hat außer sich selbst: der Mensch. (DER STANDARD Printausgabe 13/14.12.2004)

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