Lust, mit Krenn gekoppelt

7. Februar 2005, 17:48
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So gering das Bedürfnis nach weiteren Hirtenaktivitäten Kurt Krenns vor allem dort ist, wo er sie entfaltete ...

So gering das Bedürfnis nach weiteren Hirtenaktivitäten Kurt Krenns vor allem dort ist, wo er sie entfaltete - in der katholischen Kirchenhierarchie und in der Diözese St. Pölten - so groß blieb das Bedürfnis nach seinem geistlichen Beistand dort, wo man nach dem Sturz des Bischofs um jene Wortspenden bangt, die der Seele, dem Kommerz und dem Unterhaltungsbedürfnis gleichermaßen zum Heil gereichen sollen. "Wäre nun ein Taschenbuch fällig mit dem Titel "Was Kurt Krenn wirklich sagte?" fragte kürzlich in "Zur Zeit" Robert Prantner, katholischer Fundi unter den Mölzern, die nun schon als Dreifaltigkeit Andreas, Wendelin und Wolf-Rüdiger durch das Familienblatt geistern.

Prantner beklagte eine unstillbare Lust am Krenn-Kannibalismus und einen antiklerikalen Eifer an der Verspeisung Kurt Krenns, obwohl schon lange kein Hahn mehr kräht, um zu einem derart verwerflichen kulinarischen Verrat aufzurufen. Sein Anlass zur Klage war ein historischer und einigermaßen weit hergeholter, nämlich der 7. Oktober. Aber nicht irgendeiner.

Frei nach Günter (sic) Nennings trefflichem "Habsburg-Sager" in seiner "Krone" und ebenso frei nach der pervers Österreich beleidigenden Entscheidung des Literatur-Kuratoriums des skandinavischen Superpreises, der mit Nobel Dynamit gekoppelt scheint, sei "Jelineks" Schand-Roman "Lust" zitiert. Und dies genau am 7. Oktober 1571. Eine "Lust", mit Kurt Krenn gekoppelt.

Wer glaubte, diesem wirren Geschwafel würde nun, wie versprochen, ein Zitat aus "Jelineks" Schand-Roman "Lust", gekoppelt mit Kurt Krenn, folgen, wurde enttäuscht. Es folgte historische Aufklärung vom Tiefstgründigen: Nun, wir wissen, dass er, so scheint 's, besiegt wurde, weil er nicht war und ist, wie die anderen es wollen. Genau am Jahrestag dieses Meeresgemetzels über die türkische Flotte, die von einer EU im 3. Jahrtausend keinen blassen Schimmer hatte, um 12 Uhr zu Mittag veröffentlichte das Presseamt des Vatikans die Demissionsannahme durch den Papst.

Dieser Vergleich sitzt! Denn dass die türkische Flotte von einer EU im 3. Jahrtausend keinen blassen Schimmer hatte, ist eine historische Taktlosigkeit und Grund genug, der Türkei einen EU-Beitritt sofort zu verwehren. Aber dass das Presseamt des Vatikans die Annahme von Krenns Demission genau am Jahrestag dieses Meeresgemetzels über die türkische Flotte veröffentlichte, und das zu high noon, sollte auch den Kirchenstaat dauerhaft von der EU fernhalten.

Kein Wunder: Jetzt beginnen die Leute erst zu fragen, "was der Krenn eigentlich wollte und alles gesagt haben soll?!" Ein St. Pöltner Kirchenfürst, den der Vatikan exakt und bewusst 433 Jahre nach diesem Meeresgemetzel über die türkische Flotte dahinmetzelt, ist schon als Märtyrer einiger Aufmerksamkeit wert. Was der bedauerliche Vorfall mit "Jelineks" Schand-Roman "Lust" zu tun hat, werden wir auch in den kommenden 433 Jahre nicht erfahren, dafür können wir uns aber auch ein Taschenbuch mit dem Titel "Was Kurt Krenn wirklich sagte?" ersparen.

Denn wer sonst als "NEWS" war es, das nun den Durst seiner Leser nach klerikal-rabiatem Wissen stillt. Was Kurt Krenn dort wirklich sagte, war freilich nicht wirklich neu. Krenn: "Meine Kritiker sind Nullen." Im ersten Interview nach dem Sturz hat der zornige alte Kirchen-Mann nur Spott für seine Bischofsbrüder, ja man kann sagen, er bereitete ihnen ein Lepanto im Trockendock: Enttäuscht kann man von denen nicht sein, weil das alles ist null, das sind alles Null-Leistungen, die da geboten werden.

Wenn Krenn Recht hat, dann gibt es auch in der katholischen Kirche kein Null-Defizit. Und er muss Recht haben, denn Prantner selbst hält ein Taschenbuch mit dem Titel "Was Kurt Krenn wirklich sagte" für überflüssig. Es ist bereits geschrieben, allerdings nicht in der Verkürzung eines cleveren Verlagshauses. Nein, davon gibt es auch eine ausführliche Variante. Man nehme, um die Titel dieser "Doppelpublikation" endlich zu nennen: die Heilige Schrift, Bibel der Christenheit, und der Weltkatechismus der Römisch-katholischen Kirche, welcher die Überlieferung der Kirche im Glaubens- und Moralbereich, aber auch in der Fülle der Sakramentenschätze widerspiegelt.

Wie ein solcher Mann noch immer unstillbare Lust am Krenn-Kannibalismus und unstillbare Lust, ihn stets aufs Neue zu medialer Abrechnung zu reizen, wecken kann, war weder für "Zur Zeit" noch für "NEWS" zu klären. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, ebenso wie der Grund für die Demissionsannahme durch den Papst am Jahrestag dieses Meeresgemetzels über die türkische Flotte. Denn "ich bin einer der Nächsten vom Heiligen Vater. Aber solche Schreiben, die einen Rücktritt wünschen, die macht nicht der Heilige Vater. Er unterschreibt." Könnten es Krenn-Kannibalen im Vatikan sein, die dem Papst die Feder zum Unterschreiben in die Hand drücken? Da müssen S' wo anders weiterforschen. Er jedenfalls werde weiter die Wahrheit verkünden, jene, die der Papst sagt. Zum Beispiel: "Meine Kritiker sind Nullen." (DER STANDARD; Printausgabe,13./14.11.2004)

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