Europas Wachstum verliert Muskeln

2. Dezember 2004, 16:20
posten

Das Wachstum in der Eurozone und in der EU-25 hat sich abgeschwächt. Die EZB sieht die Zukunft laut ihrer Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell trotzdem weiter optimistisch

Wien/Brüssel - Das Wirtschaftswachstum der Eurozone steht auf zittrigen Beinchen und hat im dritten Quartal 2004 weiter an Muskeln eingebüßt. Im Vergleich zum Vorquartal haben die Euro-Volkswirtschaften um 0,3 Prozent zugelegt, im zweiten Quartal waren es noch 0,5 Prozent gewesen. Diese Zahlen hat die EU-Kommission am Freitag veröffentlicht. Die Prognosen waren von plus 0,3 bis 0,7 Prozent ausgegangen.

Auch die gesamte EU-25 wuchs um 0,3 Prozent, das ist um die Hälfte weniger als im Quartal davor. Im Jahresabstand betrachtet hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone mit einem Plus von 1,9 Prozent verlangsamt (Vorjahresquartal: 2,1 Prozent), ebenso jenes der EU-25 (2,1 Prozent nach 2,4 Prozent).

"Zufrieden ist man nie"

Eine Verlangsamung, die Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), nicht besonders beunruhigt. Die Ergebnisse der Eurozone wichen kaum von der Prognose von zwei Prozent ab; "aber zufrieden ist man nie", kommentierte sie im Klub der Wirtschaftspublizisten in Wien knapp.

Für das heurige und kommende Jahr erwartet die EZB trotz der hohen Ölpreise und des starken Euro ein "anhaltendes Wachstum" von zwei Prozent. Bei den Ölpreisen gebe es bereits "eine erste Entlastung", die Auswirkung der Preissteigerungen seien zwar "spürbar, halten sich aber bisher in Grenzen". Erst ein "anhaltend hoher Ölpreis" würde sich negativ aufs Wachstum auswirken und das Risiko von Sekundäreffekten erhöhen. Solche seien "bisher aber nicht feststellbar", erklärte die Bankerin.

Inflation "mittelfristig" unter zwei Prozent

Gefragt nach der damit verbundenen Inflationsgefahr meinte Tumpel-Gugerell, dass zwar "die Risiken für Wachstum und Inflation zugenommen haben, mittelfristig werden wir aber wieder zu Inflationsraten unter zwei Prozent und zur Preisstabilität zurückkehren". Zur Erklärung: In der Herbstprognose sagt die EZB für heuer eine Inflationsrate von 2,1 bis 2,3 Prozent voraus, für nächstes Jahr 1,3 bis 2,3 Prozent.

Zum hohen Euro-Wechselkurs meinte die EZB-Direktorin nur, solch "brutale Wechselkursveränderungen sind der EZB nicht willkommen". Ob man daher etwaige Devisenmarktinterventionen plane? "Kein weiterer Kommentar", beschied Tumpel-Gugerell nur. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2004)

Share if you care.