"Sparen in Österreich sehr schwierig"

2. Dezember 2004, 16:20
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IHS-Chef Felderer im STANDARD-Interview über aktuelle Konjunk­turrisiken und mögliche Konsequenzen auf das Wachstum in Österreich

STANDARD: Lange galt der hohe Ölpreis als Gift für die Weltwirtschaft, jetzt sinken die Rohölpreise. Dennoch kommen fast täglich Besorgnis erregende Konjunktursignale. Haben Sie noch Hoffnung für den lang ersehnten Aufschwung?

Felderer: Der Ölpreis ist keine wesentliche Wachstumsbremse, solange er im Durchschnitt in einer überschaubaren Größenordnung unter 45, 50 US-Dollar bleibt. Der Ölpreis beeinflusst etwas die Industrieproduktion, aber vor allem wegen des hohen Dienstleistungsanteils war der Ölpreis statistisch für das Wachstum der Volkswirtschaft jedenfalls in den letzten beiden Jahrzehnten nicht signifikant.

STANDARD: Die Problematik hoher Ölpreise nur ein Mythos?

Felderer: Der Ölpreis hat auf jeden Fall nicht mehr die Bedeutung, die er in den 70er- Jahren gehabt hat. Der Dienstleistungssektor braucht kaum Öl und Industrieproduktionen, wo man viel Öl braucht, sind stark aus Europa hinausverlagert worden.

STANDARD: Wenn nicht der Ölpreis, so trifft doch wohl der Eurokurs zumindest die Exportwirtschaft. 1,20 zum Dollar galt bisher als Schmerzgrenze, jetzt testet der Euro die 1,30.

Felderer: Das halte ich für wesentlich problematischer. Wenn das so weitergeht, hat das sicher mehr Wachstumsauswirkungen, als wir vom Ölpreis zu befürchten haben. Das muss man ernst nehmen.

STANDARD: Das heißt Aufschwung, oder doch nicht?

Felderer: Wir müssen uns genau anschauen, welche Gründe zur jetzigen Abschwächung führen. Wir haben ja schon vor einem Jahr vorausgesagt, dass das Wachstum des Welthandels 2004 die Spitze erreicht und dann wieder etwas kleiner wird.

STANDARD: Was heißt das für Österreich mit den Exporten als einzige Konjunkturstütze?

Felderer: Das ist richtig, die Binnennachfrage, also sowohl die Konsum- als auch die Investitionsnachfrage, war bisher schwach. Die neuesten Prognosen nehmen an, dass sich die Binnennachfrage gegen Jahresende verbessern sollte. Ich würde trotzdem ein Fragezeichen dahintersetzen, weil wir das jetzt schon seit einem Jahr hoffen.

STANDARD: Sehr optimistisch klingt das alles nicht.

Felderer: Wir haben voraussichtlich für heuer immer noch eine Wachstumsrate von um die zwei Prozent. Eine Revision scheint bisher nicht erforderlich. Nur der Wechselkurs sollte sich nicht zu lange auf diesem Niveau halten, er sollte insbesondere nicht über die 1,30 ansteigen. Aber: Auch wenn wir 2005 statt 2,5 Prozent nur zwei Prozent Wachstum bekommen sollten, ist das noch immer Wachstum. Die Regierung könnte dann in der glücklichen Situation sein, die Steuerreform zum genau richtigen Zeitpunkt zu machen.

STANDARD: Die Budgetprobleme ließen sich dann aber wohl kaum lösen, und das angestrebte Nulldefizit 2008 hängt in der Luft. Die SPÖ spricht von einem Konsolidierungsbedarf von neun Milliarden Euro.

Felderer: Das ist alles überhaupt nicht prognostizierbar. Wir können bestenfalls über den Zeitraum bis 2006 reden – das ist schon schwierig. Außerdem hat der Finanzminister noch einige Reserven, wie das Einfrieren der Ermessensausgaben oder Nachjustierungen in einzelnen Ressorts. Ich sage nur: Ab 2006 sollten alle Anstrengungen gemacht werden, das Defizit wieder Richtung null zu bringen. Da wurde von 2005 auf 2006 zu wenig eingeplant, aber in Österreich zu sparen, ist ja sehr schwierig. Auch der neue Finanzausgleich ist kein großer Beitrag. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14.11.2004)

Zur Person

Der Ökonom Prof. Bernhard Felderer, Jahrgang 1941, leitet seit 1991 das Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Das Gespräch führte Michael Bachner.
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