Amerikas grenzenlose Abhängigkeit vom Öl

24. Mai 2005, 19:47
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Nicht nur die Nachfrage aus China und Indien, auch der US-Durst nach dem schwarzen Gold ist unzähmbar und treibt die Preise nach oben

Der Ölpreis ist in den vergangenen beiden Wochen zwar wieder gesunken, liegt aber immer noch 45 Prozent höher als zu Anfang des Jahres. Dabei dürfte es bleiben: Nach Einschätzung des US-Department of Energy wird der Barrel 2005 im Schnitt zwischen 45 und 50 Dollar kosten. Ausgelöst wird die Preisspirale nicht durch die hohe Energienachfrage in China, Indien und anderen Schwellenländern, sondern auch durch die USA.

Die 290 Millionen Amerikaner verbrauchen jeden Tag 20 Mio. Fass Erdöl, ein Viertel des weltweiten Energiebedarfs und relativ gesehen dreimal mehr als die Europäer. Hohe Energiepreise treffen die US-Wirtschaft folglich besonders hart. Die Zusatzkosten werden auf 100 Mrd. Dollar pro Jahr beziffert, ein Prozentpunkt des Wachstums.

Einige Beobachter befürchten, dass anhaltend hohe Energiepreise die USA 2005 in eine Rezession stürzen könnten: Unternehmen und Fluglinien reichen höhere Transportkosten an die Verbraucher weiter, die ihrerseits an der Tanksäule tiefer als gewohnt in die Tasche greifen müssen, was wiederum den Konsum negativ beeinflusst. Im Wahlkampf gab es den politischen Konsens, dass das Land in zu hohem Maße von Energieimporten abhängig ist.

Alter Traum

Unabhängigkeit von Öleinfuhren ist der alte Traum Amerikas. 1973 startete Präsident Nixon während der ersten großen Ölkrise das "Projekt Unabhängigkeit", das seitdem zum Programm fast aller Amtsinhaber gehört. Bis 1953 förderten die USA noch die Hälfte des benötigten Öls im eigenen Land.

Jetzt befinden sich nur noch drei Prozent der globalen Ölvorräte in amerikanischem Boden, mehr als die Hälfte des verbrauchten Erdöls kommt aus dem Ausland. Selbst Ölbohrungen in Alaska, ein aufgrund der Umweltzerstörungen heftig umstrittenes Thema, würden maximal eine Million Barrel pro Tag zusätzlich hergeben - von Unabhängigkeit kann also keine Rede sein.

Für Washington wird kein Weg daran vorbeiführen, die Energieeffizienz der Nation drastisch zu erhöhen - ein Schritt, der unter anderem von der Auto- und Energielobby und vielen Republikanern im Kongress beharrlich abgelehnt wird. Nur in Kalifornien hat man sich bislang dazu durchgerungen, den Staat bis 2010 flächendeckend mit Tankstellen für umweltfreundliche Wasserstoffautos auszurüsten.

Sparen? Nein danke

Was die Regierung Bush II tun will: George W. Bush, vor seiner politischen Karriere selbst ein texanischer Ölmann, wartet seit zwei Jahren auf die Verabschiedung seines Energiegesetzes, das auch die Erlaubnis umfasst, die arktische Wildnis Alaskas nach Öl-und Erdgas aufzubohren.

Die Abgasnormen will er nicht verschärfen, die strategischen Ölreserven des Landes nur im Notfall anzapfen. Eine Erhöhung der Benzinsteuer schließt der Präsident aus: Der Treibstoff ist in Amerika immer noch um rund die Hälfte billiger als in Europa. Im Kampf um Amerikas Umwelt- und Energiepolitik sind in der ersten Amtszeit von Bush bereits zwei Minister auf der Strecke geblieben.

Umweltopfer

Finanzminister Paul O'Neill verstand zwar den Widerstand gegen das Kioto-Protokoll zum Klimaschutz, wollte aber Alternativen entwickeln; Umweltministerin Christine Todd Whitman vertrat den "mitfühlenden Konservatismus", von dem ihr Präsident gerne redet. Im Amt zeigte sie dagegen wenig von der "neuen Balance" zwischen Ökonomie und Ökologie.

Bush hat Steuervergünstigungen für Allrad-Trucks durchgesetzt und die Behörden angewiesen, Bohrrechte schnell zu erteilen. Im Gegenzug wurden die Rechtsmittel für betroffene Bürger eingeschränkt und die Prüfungen auf Umweltverträglichkeit verkürzt. (DER STANDARD Printausgabe, 12.11.2004)

Beatrice Uerlings aus New York
  • Amerika am Öltropf: Ein russischer Öltanker auf dem Weg in die USA.

    Amerika am Öltropf: Ein russischer Öltanker auf dem Weg in die USA.

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