Die zwei Unglücksbärchis

26. Dezember 2004, 22:28
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Süß und zartbitter: Marguerite Duras' "Gespräch im Park" im Theater Gruppe 80

Wien - In Marguerite Duras' Dialogstück Gespräch im Park findet man Wahn und Vernunft so lange ineinander gespiegelt, bis beide aus dem nämlichen Stoff sind. Von den großen französischen Aufklärern borgt sich die Duras die Selbstvergewisserungsform des moralischen Zwiegesprächs: Ein sprödes Dienstmädchen und ein vor der Zeit gealterter Handlungsreisender erörtern im öffentlichen Naherholungsgebiet die Glücksmöglichkeiten ihrer geschundenen Existenzen - ohne doch etwas anderes zu treiben als Spekulation mit dem Kapital ihres (sich selbst eingeredeten) Unglücks.

Zugleich bahnen die beiden eine Romanze an, die nicht recht verfangen will. In Helga Illichs Inszenierung im Theater Gruppe 80 wirkt der "unscheinbare Mann" (Peter Strauss) vor der Kulisse von Carlo Tommasis Lorbeerbaumhecke wie festgefroren.

Ein ringeltaubengrauer, die Zeitung wie eine Stoffserviette zusammenlegender Melancholie-Hofrat, der sich für "Mahlzeiten" schindet und doch nur wie ein loses Blatt durch sein aus freien Stücken verpfuschtes Leben segelt.

Gegen das resolute Eheverlangen des "unscheinbaren jungen Mädchens" (Kirstin Schwab) erborgt sich der verholzte Hagestolz die Haltung des unbeteiligten Ratgebers - und Regisseurin Illich baut herrliche Traumdoppelfenster, durch die man auf jene Glücksbotenstoffe blickt, die beider Leben eine andere, bedeutsamere, vielleicht nach Übersee weisende Wendung hätten geben können.

Gerade in solchen Minuten schwillt noch einmal die betörende "Gruppe 80"-Atmosphäre an - wie modaler Cool-jazz in schmeichelnden Kadenzen. Handelt es sich bei Gespräch im Park doch möglicherweise um Illichs Abschiedsserenade als Regisseurin in Gumpendorf. Ein Abend wie aus Zartbitterschokolade. Die mag man auch zuzeiten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2004)

Von Ronald Pohl
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