Kontra: The Sound of Wiederaufbau

29. Dezember 2004, 15:31
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Eigentlich wartet man nur noch auf Aktionen zum Thema "Mein erster Neger" ...

Virtuelle "Bombenangriffe", "Vier im Jeep", die in schmucken Uniformen durch Wien gondeln, "Heimkehrerzüge", auf die in österreichischen Bahnhöfen "Angehörige" warten, "Trümmerfrauen", die am Straßenrand Ziegel reinigen, der Heldenplatz, zuerst zum "Friedhof", dann zum "Kartoffelacker" umgewidmet. Dazu vielleicht sogar echte Kühe vor dem Belvedere, ein transportabler Balkon, von dem aus jeder "Österreich ist frei!" rufen darf: Auch nach genauerem Studium des Event-"Konzepts" zum "Gedankenjahr 2005", das dem Vernehmen nach mit einem Aufwand von über zehn Millionen Euro realisiert werden soll, wird man das Gefühl nicht los, das eine Leserin auf derStandard.at so in Worte fasste: "Super Satire, ich hab ich mich halb totgelacht."

Carepakete von McDonald's, eine Dokusoap mit EU-Familien, dazu noch denkwürdige Sprüche wie "Man begreift Freiheit erst, wenn man die Unfreiheit kennt" - dies ist tatsächlich "besser" als jedes "Kabarett". Eigentlich wartet man nur noch auf Aktionen zum Thema "Mein erster Neger" oder - sollten sich noch ein paar Sponsoren finden - ein Remake mit Arnold Schwarzenegger von Zurück in die Zukunft. Da könnte uns die steirische Eiche nämlich noch einmal vorschwadronieren, wie das angeblich mit den Russen war. Was für ein Spaß. Und für junge Menschen, die sich noch nie mit Geschichte befasst haben, sicher unglaublich informativ. Wolfgang Lorenz, Georg Springer, Karl Stocker und Eberhard Schrempf müssen geradezu Rauschzustände der Kreativität durchlebt haben, als sie dieses "Marketingprojekt für Österreich" erdachten. Warum nicht gleich einen Erlebnispark einrichten zu Themen wie "The Sound of Wiederaufbau"?

Genug gelacht. Willkommen in Österreich, wo man seit Ewigkeiten daran festhält, für traurige Fakten und trübe Vergangenheiten wie in einem Pawlow'schen Effekt schiefe Bilder und (Selbst-)Inszenierungen zu erfinden. Was Lorenz und Co hier für zehn Millionen Euro Sponsorgelder aus dem Boden stampfen wollen, erinnert geradezu brachial an das Credo des legendären heimischen Produzenten Eduard Hoesch: "Um mein Geld werden Sie kan guaten Film machen." Musste man sich im Wiederaufbau-Österreich der späten 40er- und frühen 50er-Jahre also durch einen ungeheuren Kitsch des Neubeginns quälen, so hat sich die Kitschspirale jetzt perfide weitergedreht: Bau'n wir doch den Wiederaufbau wieder auf, auf dass einmal mehr selbstbewusste, vermarktbare, kreative Österreicher vor der Welt (und vor der EU) bestehen können.

Eine verantwortungsvolle, historisch versierte Politik müsste sich vor solchen Entwicklungen mit Grauen abwenden. Bundeskanzler Schüssel tut das Gegenteil: Er hilft bei der Suche nach Sponsoren. Bleiben wird, nachdem das alles hochgezogen und dann wieder abgerissen ist, nicht einmal verbrannte Erde, sondern: lähmendes, gejubelt habendes Nichts.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 11. 2004)

Kommentar von Claus Philipp

Pro: Ein starkes Statement
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