Verbraucherschulden belasten US-Konjunktur

24. Mai 2005, 19:47
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Wer soll die Wirtschaft ankurbeln, wenn der US-Konsument hoch verschuldet ist und die Zinsen steigen? Durchschnittliche Haushalte geben bereits bis zu 50 Prozent ihres Einkommens für Schuldendienst auf

"Das zweitgrößte aller Laster ist Lügen, das größte ist Schulden machen", schrieb Benjamin Franklin. 250 Jahre später ist von diesem Leitsatz nur wenig geblieben. Die Sparquote dümpelt in den USA bei einem Prozent, die durchschnittliche Schuldenlast entspricht einem Jahreseinkommen. Die Bevölkerung ist so hoch verschuldet wie nie zuvor. Schwindel erregende neun Billionen Dollar Minus haben die Privathaushalte angehäuft, der größte Teil Hypotheken und damit zusammenhängende Großkredite.

Verbraucherausgaben machen rund Zweidrittel des US-Wachstums aus, kreditfinanzierter Wohlstand gilt deshalb als Konjunkturmotor. Ob die Konsumenten eine verlässliche Stütze bleiben können, ist jedoch fraglich. Seit Juni dreht die US-Notenbank Fed permanent an der Zinsschraube - die Experten sind sich einig, dass die Zeiten des billigen Geldes vorbei sind.

Banken geben Zinsen weiter

Jede Umdrehung an der Zinsschraube macht die Abzahlung des Eigenheims und Ratenzahlungen für geleaste Autos teurer. Und trifft auch die Plastikgeldbenutzer, schließlich geben die Banken die höheren Zinsen ohne lang zu fackeln an die Kundschaft weiter. Jeder US-Verbraucher hat im Schnitt 13 Kreditkarten, die gängige Schuldenlast beläuft sich auf 12.000 Dollar.

Volkswirte beziffern die unmittelbaren Zusatzkosten des steigenden Leitzinses für die Konsumenten auf stolze 4,5 Mrd. Dollar. Die wachsenden Hypothekenschulden der Hausbesitzer sind da noch nicht einmal miteingerechnet. Besonders für Familien der unteren Einkommensklassen ist die Aussicht auf höhere Zinsen Besorgnis erregend: Sie bringen bereits heute ein Drittel bis zur Hälfte ihres Einkommens für Schuldendienst auf. 2003 haben die privaten Konkurse in den USA einen Rekord von 1,7 Mio. erreicht. Werden im Zuge der steigenden Zinsen noch mehr Amerikaner zahlungsunfähig, bricht nicht nur der Konsum zusammen, sondern auch der Baumarkt, der über die letzte Rezession hinweggeholfen hat.

Bush bestimmt Greenspan-Nachfolger

Was Bush II tun will: George W. Bush, der sich ein Rekorddefizit leistet, wird die Bürger kaum zu mehr Sparsamkeit mahnen. Er bestimmt jedoch, wer Nachfolger von Zinshüter Alan Greenspan wird. Der mächtige Notenbankchef, der seit Präsident Reagan amtiert, geht im Januar 2006 in Rente. Ein sehr wahrscheinlicher Nachfolger ist der Harvard-Volkswirt Martin Feldstein, von Bush kumpelhaft "Marty" genannt. Feldstein, der schon Wirtschaftsberater unter Reagan war, gilt als Chefideologe der Steuersenkungspolitik.

Wer Greenspan nachfolgt, sei "eines der wichtigsten Ergebnisse der Wahl", urteilt das Wall Street Journal - auch wenn dies öffentlich bisher kaum diskutiert wurde. Ein fähiger Notenbankchef besitzt weit mehr Gewalt über die US-Wirtschaftspolitik als jeder Finanzminister. Ohne Greenspan wäre das Wirtschaftswunder der Clinton- Jahre wohl viel matter ausgefallen. Ein konzeptloser Notenbanker wiederum kann das Land tiefer in eine Rezession hineinjagen - so zuletzt geschehen in den Siebzigerjahren. (Beatrice Uerlings aus New York, Der Standard, Printausgabe, 11.11.2004)

  • Verbraucherausgaben machen rund Zweidrittel des US-Wachstums aus, kreditfinanzierter Wohlstand gilt deshalb als Konjunkturmotor
    foto: photodisc

    Verbraucherausgaben machen rund Zweidrittel des US-Wachstums aus, kreditfinanzierter Wohlstand gilt deshalb als Konjunkturmotor

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