Dichtere Wolken über Europa

2. Dezember 2004, 16:20
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Europas Zentralbank revidiert ihre Wachstumserwartungen vor dem Hintergrund der noch immer hohen Ölpreise - Analyse von Karin Bauer

In den letzten Wochen des Jahres verdunkeln sich Europas Konjunkturaussichten. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) Otmar Issing schraubte am Mittwoch die Wachstumserwartung für die Eurozone von 2,5 auf zwei Prozent für das laufende Jahr zurück. Für 2005 seien die Wachstumsaussichten jetzt schlechter als noch vor einigen Monaten. Der hohe Ölpreis wirke abschwächend - auch wenn die Fasspreise in den vergangenen zwei Wochen um 15 Prozent gefallen sind, bleibt in Dollar gerechnet heuer noch immer ein Preisanstieg von fast 50 Prozent - und diese "Energiesteuer" wirkt mit leichtem Nachzieheffekt auf Unternehmen und Konsumenten.

Dazu macht der EZB die Inflation (Eurozone zuletzt 2,5 Prozent) Sorgen. Aktuell belaste die laut EZB-Präsident Jean-Claude Trichet "brutale, höchst unwillkommene Entwicklung" des Dollars gegenüber der Gemeinschaftswährung. Obwohl: Je teurer der Euro zum Dollar wird, desto schwerer tun sich zwar Europas Exporteure, andererseits federt der Euro-Anstieg die hohen Dollar-Rohstoffpreise ab.

Euro mit Aufwärtstrend

Die Europäer beschweren sich, dass ihre Währung für die USA das Ventil für die Dollar-Abwertung ist, die die USA zwecks Eindämmung des Leistungsbilanzdefizits braucht. Obwohl dieses im dritten Quartal wegen niedriger Ölimporte und höherer Güterausfuhren unerwartet um 3,7 Prozent auf 51,6 Mrd. Dollar geschrumpft ist, hat der Euro - zuletzt mit über 1,30 zum Dollar auf neuem Rekord, seinen Aufwärtstrend nicht verlassen. Der Grund: Strukturell stecken die USA zwischen einem riesigen Haushalts- und einem noch immer historisch hohen Handelsbilanzdefizit.

Die US-Konjunktur dürfte zwar heuer mit einem Wachstum von rund drei Prozent robust bleiben, nach zuletzt besseren Arbeitsmarktdaten zweifeln Ökonomen allerdings, ob die US-Zinsen auf zwei Prozent verharren werden oder angesichts des Inflationsdrucks nicht noch heuer weitere Straffung der Geldpolitik ins Haus steht. Das könnte dann den US-Konsum, der hauptverantwortlich für das Wachstum ist, im Konzert mit hohen Energierechnungen bremsen.

Gemischtes Österreichbild

In Österreich ist das Konjunkturbild vor dem Hintergrund weiter steigender Arbeitslosigkeit gemischt: Die Industrie sandte im Oktober schon wieder negative Konjunktursignale aus. Tenor: Der Höhepunkt des Zyklus ist überschritten. Kaum brummte der Motor so richtig, stottert er auch schon wieder: Geschäfts-, Ertrags-und Beschäftigungslage werden sich verschlechtern, lauten die aktuellen Erwartungen der heimischen Industriellen.

Laut Herbst-Befragung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform geht es dem heimischen Mittelstand aktuell überwiegend "sehr gut" oder "gut", die Erwartungen fallen aber deutlich verhalten aus. Die Exporte der heimischen Firmen dürften heuer allerdings kräftig wachsen. Gut möglich, dass sich im Gefolge die Binnennachfrage erhöht und sich wie vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo erwartet der private Konsum 2005 doch auf 2,5 Prozent verdoppelt. Das Wifo führt dafür um rund zwei Prozent höhere Realeinkommen 2005, verursacht durch Effekte der Streuerreform, ins Treffen. Heuer steigen die Reallöhne nur 0,6 Prozent.(Karin Bauer, Der Standard, Printausgabe, 11.11.2004)

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    In den letzten Wochen des Jahres verdunkeln sich Europas Konjunkturaussichten

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