"Zu wenig Studierende gibt es nicht"

10. Februar 2005, 18:13
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Technische Unis wünschen sich mehr Studierende - TU-Wien: "In den Ingenieur­wissenschaften könnten wir noch mehr vertragen"

"Zu wenig Studierende gibt es nicht." Diese Aussage des Vizerektors der TU-Graz, Horst Cerjak, klingt ungewöhnlich, wird doch die aktuelle unipolitische Debatte von Berichten über den "Ansturm" auf Studienrichtungen wie die Publizistik dominiert. Während einige geistes- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen unter den hohen Studierendenzahlen stöhnen, gibt es in Österreich allerdings verhältnismäßig wenig Studierende in technischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen.

Ministerin Gehrer zeigte sich am Mittwoch zuversichtlich: "Vor allem technische- und naturwissenschaftliche Studienrichtungen verzeichnen steigende Studierendenzahlen", kommentierte die Bildungsministerin die vom Ministerium veröffentlichten vorläufigen Studierendenzahlen in einer Aussendung.

An den Technischen Unis selbst teilt man auch die positive Einschätzung der Ministerin nicht: "Es wäre schön, wenn es so wäre, auch volkswirtschaftlich", seufzt Werner Sommer, Pressesprecher der TU-Wien. An seiner Uni verzeichne man aber nur ein "marginales Plus" im Vergleich zum Vorjahr. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auf der TU-Graz: "Wir haben den Stand gut gehalten: Der Gesamtstand ist ähnlich wie im letzten Jahr."

Zahlenspiele

Wie viele Studierende es tatsächlich in den einzelnen Studienrichtungen gibt und an welche Unis es die Studierenden besonders hinzieht, ist allerdings nicht einfach zu durchschauen. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob man nur StudienanfängerInnen zählt oder die Zahl aller Studierenden einer Universität im Vergleich zum Vorjahr betrachtet.

Die vom Ministerium veröffentlichten Zahlen geben der Ministerin deshalb auch nur zum Teil Recht. In ihrer Aussendung bezieht sich die Ministerin auf die Anzahl der Studierenden in technischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen insgesamt und stellt an der TU-Wien ein Plus von 9,3 Prozent und für die TU-Graz ein Plus von 1,1 Prozent fest.

Allerdings gibt es weniger Studienanfänger als im Vorjahr: An der TU-Wien ist der Unterschied zwar nicht sonderlich groß, doch die Zahl der Studienanfänger ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent zurückgegangen, bestätigt die Pressesprecherin der Ministerin, Felicitas Herberstein.

Bedarf in nahezu allen Fächern

Bedarf an zusätzlichen Studierenden habe die TU-Graz in nahezu allen Fächern, erlärt Cerjak: "Wir würden uns mehr Studierende wünschen. Es gibt einen Bedarf an Absolventen aus technischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen, der nicht abgedeckt werden kann".

Allerdings gibt es auch an den Technischen Unis Studienrichtungen mit sehr vielen Studierenden. "Die Grazer Architektur hat einen guten Ruf. Da haben wir auch viele Studierende und die größten Zuwächse. Die Berufsaussichten dort sind allerdings nicht so gut wie in anderen Studienrichtungen", warnt Cerjak. Auch an der TU-Wien ist die Situation ähnlich: "Es gibt zwei Studienrichtungen, die besonders gut besucht sind: Architektur und Informatik", erklärt Pressesprecher Sommer, fügt aber hinzu: "In den Ingenieurwissenschaften könnten wir noch mehr vertragen."

Berufschancen

Vizerektor Cerjak appelliert an künftige StudienanfängerInnen: "Es wäre gut, wenn sich die Studierenden die Studienwahl besser überlegen würden und Studienrichtungen wählen, in denen sie auch gute Berufschancen haben." (sof)

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    Im Mikrostrukturzentrum der Technischen Universität in Wien.

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