Palastrevolution mit klirrenden Gläsern im Spiegelzelt

26. Dezember 2004, 22:28
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Hervorragende Speisen, ohrenbetäubendes Orchester und Variete-Programm im Palazzo - letzteres nicht ganz in der Qualität des letzten Jahres

Der Palazzo ist ideal für alle, die miteinander abendessen müssen, aber sich nichts mehr zu sagen haben: Zu den in der Tat hervorragenden Speisen, die Reinhard Gehrer auftischen lässt, spielt das Orchester in einer Lautstärke, dass sich das Gespräch auf ein gegenseitiges Beteuern, wie gut es denn schmecke, beschränken kann.

Davor, dazwischen und danach wird Varieté geboten. Wenn auch ohne dramaturgisches Konzept und auch nicht ganz in der Qualität des letzten Jahres (die Show ist heuer in einem anderen der sieben Spiegelzelte zu sehen, die es mittlerweile im deutschen Sprachraum gibt): Der Tiefpunkt von Delikatessen ist erreicht, wenn sich die Trapez-Artisten als clowneske Zauberer versuchen. Doch Duffy Bishop begeistert mit ihrer fulminanten Bluesstimme, wenn sie Janis Joplin covert. Und die Frauenherzen schlagen eindeutig höher, wenn Rustam Tsodikow mit nacktem Oberkörper und Rose zwischen den Zähnen höchst elegant durch die Luft wirbelt.

Getragen wird der vierstündige Abend von Lutz Jope, der ein wenig aussieht wie Riff-Raff: Als misanthropisch-mürrischer Oberkellner nörgelt er an den Gästen herum ("Setzen Sie sich ordentlich hin! Das ist kein Liegestuhl!"). Zudem versucht er unentwegt, sein Team in Zaum zu halten: Er nimmt u. a. dem aufmuckenden Kellner Gustav, einem Schweizer, dessen Alphorn in Teilen weg. Und Leon Kaufmann hört dennoch nicht auf, Töne zu produzieren - schlussendlich mit Glas und Gabel und dem gesamten Publikum. Das ist dann wirklich "Revolution"! Nett. (trenk/DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2004)

Palazzo
Prater Rotundenplatz
0800/ 01 77 66
bis 30.1.

Link

palazzo.cc
  • Hinreißender Nörgler und Misanthrop: Lutz Jope als Oberkellner.
    foto: palazzo

    Hinreißender Nörgler und Misanthrop: Lutz Jope als Oberkellner.

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