20 Jahre Häupl, 90 Jahre BH

7. Februar 2005, 17:49
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Sonntag war's, da feierte die "Krone" in ihrer bunten Manifestation gleich zwei Jubiläen von historischer Bedeutung

Sonntag war 's, da feierte die "Kronen Zeitung" in ihrer bunten Manifestation gleich zwei Jubiläen von historischer Bedeutung, von denen der Herausgeber persönlich leider nur eines durch Mobilisierung seines schriftstellerischen Genies angemessen würdigen konnte, und zwar das falsche. Obwohl durch jahrelange Auswahl des Damenaktes vom Tage einschlägig geschult und prädestiniert durch dessen geistvolle Textierung, die auch in der sensibelsten "Krone"-Mitarbeiterin nie und nimmer das Gefühl von Frauenverachtung aufkeimen ließe, überließ er die Besprechung des runden Geburtstages einer Kollegin: Der BH feiert heuer seinen offiziellen 90er.

Mit dem anderen, auch nicht unrunden Jubiläum hatte die offizielle Geburtsstunde dieses Kleidungsstückes, das dem weiblichen Geschlecht "so sehr am Herzen liegt", eine kleine kalendarische Unschärfe gemeinsam - inoffiziell gibt es ihn schon etwas länger, denn bereits in der Antike schützten Frauen ihre Brüste mit Binden. So weit lag der Anlass, den Fiaker beim Sterzkochen zu feiern, zwar nicht zurück, aber die Behauptung auf dem Titelblatt - 20 Jahre Häupl - gab noch immer genug zum Nachdenken darüber auf, warum der Wiener Bürgermeister dem "Krone"-Herausgeber gar so sehr am Herzen liegt, begnügten sich doch alle anderen Medien mit einer Würdigung aus Anlass seiner 10 Jahre als erster Rathausmann.

Was es mit 20 Jahre Häupl auf sich hatte, ging aus Hans Dichands Text nicht hervor - auch unter Einrechnung seiner Amtszeit als Stadtrat kommt man erst auf 16 Jahre. Es ließ sich aber rekonstruieren. Der Laudator hat sich nicht die Mühe gemacht, einen neuen Text zu verfassen, sondern das, was er sich für den Sammelband "Michael Häupl - 20 Jahre für Wien" schon einmal abgerungen hat, nun der Restlverwertung zuzuführen. Hat man darin auch Häupls Zeit als Gemeinderat mitgerechnet, müsste es allerdings heißen: 21 Jahre für Wien. Aber das hat MH mit BH gemeinsam: Inoffiziell gibt es ihn schon etwas länger.

Aus der Sicht eines steirischen Wahlwieners ist ein niederösterreichischer Wahlottakringer, der gelegentlich mit der öffentlichen Herstellung steirischer Gourmandisen prunkt, eben nicht auf ein Datum festzunageln, da haben höhere Werte Vorrang. Etwa beim Donauinselfest 2001 (diese Zeitangabe könnte stimmen): Ich staunte, wie gut der Wiener Bürgermeister steirischen Sterz kochte. Der stupor Catonis ward auch mit einem Foto illustriert, und obwohl die Wiener nicht eben als Sterzfexe bekannt sind, heißt es daneben: Michael Häupl ist ein volksnaher Bürgermeister, einer zum "Anfassen", der gerne unter "seinen" Wienern weilt.

Die Wiener würden ihm sogar zutrauen, dass er beim Steirischen Herbst ein Schnitzel paniert, und - ohne zu staunen - nicht nur das: In der Rolle des Fiakers, in der er sich selber gerne sieht, kann ihn sich jeder vorstellen, oder beim Heurigen, ja selbst als jugendlichen Revoluzzer, der er einmal war. Soll noch einer sagen, Biologie wäre ein Orchideenfach! Und unbarmherzig senkt Hans Dichand die Sonde seiner politischen Analyse in das Herz der Finsternis, das diese Stadt einmal war. Als Wahlwiener, der vor fast 50 Jahren aus Graz in die Metropole kam, fiel mir anfangs der Umgang mit dieser so machtbewussten und scheinbar unangreifbaren "roten" Hierarchie nicht so leicht. Wenn man damals an der Spitze einer unabhängigen Zeitung stand, hatte man kaum Zugang zu einem Wiener Bürgermeister.

Bei so viel Halsstarrigkeit kein Wunder, dass wir gezwungen waren, viele Fehlentscheidungen und Geschmacksverirrungen des Rathauses anzuprangern und ein oft von kleinbürgerlicher Enge geprägtes Denken zu kritisieren. Das konnte bei der Weltläufigkeit der "Krone" und ihres Herausgebers gar nicht anders sein. Es musste wohl erst die Reichsbrücke einstürzen, damit auch im Rathaus die Zeichen der Zeit erkannt wurden. Der grundlegende Wandel begann endlich, als Leopold Gratz Bürgermeister wurde. Die Fakten sind dabei nicht so wichtig. Erst musste wohl Leopold Gratz - am 5. Juli 1973 - Bürgermeister werden, ehe als Zeichen der Zeit die Reichsbrücke einstürzte: am 1. August 1976.

Wir von der "Kronen Zeitung" scheuten uns auch mit Anbruch der neuen Ära nicht, die Gemeindepolitik mit wachsamen Augen zu verfolgen, und wir erhoben unsere Stimme, wenn wir glaubten, dass da ein falscher Weg eingeschlagen wurde. Und dann schon wieder ein Zeichen der Zeit - und der Auflage: Dabei entstand jedoch eine lebendige Partnerschaft, eine funktionierende Interessengemeinschaft. Lieben wird doch alle diese unsere Stadt und wollen wir doch nur, dass sie noch schöner, attraktiver und lebenswerter wird.

Die funktionierende Interessengemeinschaft zwischen Stadt und Blatt geht inzwischen so weit, dass sich der Bürgermeister plakativ das Geständnis abpressen ließ: Ja, ich gebe zu, dass ich in diese Stadt verliebt bin. Es ist eine Liebe, die laut Eva Weissenberger in der "Presse" nur eines bedrohen kann: Da müsste er schon vor der Linse eines "Krone"-Fotografen einen kleinen Hund treten. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.11.2004)

Von Günter Traxler
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