Die windelweichen Fußverdreher

26. Dezember 2004, 22:28
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Die philosophisch tragfähige Blödelei von Konrad Bayers und Gerhard Rühms Pseudooperette "der schweissfuss" wich der Verlegenheitsästhetik einer verspäteten Weichzeichnung

Michael Wallners Uraufführungsbemühung im Wiener Volkstheater ließ alle Füße und Zwerchfelle ganz.


Wien - Manchmal, gerade zu den Gelegenheiten ihrer Lob-und Seligpreisung, möchte man auch der verdientesten Avantgarde zurufen dürfen: Nun sahen wir dich nackt - nun gehabe dich wohl.

Denn in der "Operette" der schweissfuss, einer Gemeinschaftsarbeit der Wiener-Gruppe-Dichter Konrad Bayer und Gerhard Rühm aus den Anfangstagen der 60er-Jahre, wird der leichtesten aller Musen nicht unter den Rock, sondern dorthin gefasst, wo es am tiefsten ist - unter die Hosenbeine. Das Wiener Volkstheater ist unter die Fußpfleger gegangen. Vielleicht hätte es besser gleich Nagelschere und Feile bereitlegen sollen.

Figuren mit katholischen Zufallsnamen aus dem Heiligenkalender der Zentralsparkasse werden unterhaltungsauffällig: Hotelbetteninhaber und Reinmachfrauen, Briefträger und Liftboys versammeln auf ihren völlig zufälligen Köpfen, auf ihren losen Vorstadtzungen, vor allem aber auf ihren Füßen alle Albernheiten, die sich ein anarchistischer Unterhaltungsingrimm ausgedacht haben mag.

Ein Reflex gegen den nicht nur fußanhängigen Mief der österreichischen Restaurationsjahre - ein Fanal auch im Kampf um die Abendkasse (zu der die Wiener Avantgarde erwartungsgemäß nicht zugelassen wurde). Zu Anfang der Uraufführung sieht man gleich das berühmte Staatsvertragsunterzeichnungsgemälde aufleuchten. Wie "frei" wurde Österreich aber wirklich?

Der völlig schwachsinnige Text von der schweissfuss vereint in sich zweierlei Kunststücke. Er veredelt Nichtigkeiten zu Zeugnissen von abendländischer Erhabenheit: "nämlich zwischen unsren zehen / wenn die frühlingswinde wehen / stinken unsre füße / jahreszeitengrüße".

Lauter Sinnpausen

Und er stürzt die Maschinerie des Kommerztheaters von einer Verlegenheit in die andere, von einem Sinnloch ins nächste. Die Avantgarde von einst machte keine Gefangenen. Ohne Wittgenstein waren ihre Einsichten kaum zu verstehen. Aber sie ließ in Sachen Blödelei doch immerhin mit sich reden.

der schweissfuss: Das bedeutet outrierendes Staatstheater, das sich gegen sich selbst kehrt. Das die poetologischen Einsichten großer Autoren auf Jahrmarktsgröße zurechtbiegt: Die Chansontexte und selbsterklärenden Zwischenansagen laufen unter jeder Qualitätslatte locker durch: "waun s / aun da schenan blaun donau / schdinggd // daun / hod da johann schdrauss / im soag an schas lossn".

Bayer und Rühm bewegen Wörterbucheinträge über die Bühne, die auch im Wiener Volkstheater, dem verspäteten Uraufführungsort, ein Hotel vorstellt: In gewiss avantgardistisch gemeinter Verkehrung sitzt das Publikum auf der Bühne. Und auf der Rampe vor ihm bewegen sich die Schweißfußinhaber, die im Namen einer historischen Wiedergutmachungsleistung eben leider nur einen lauen, bunten Abend geben.

Deren sinnfällige Betäubung im Fundus-Schlafrock (Michael Rastl), deren soubrettenhaftes Tirilieren im Wattemorgenrock (Gabriele Schuchter), deren hübsch silbenspuckende Entgeisterung (Hannes Gastinger) auf eine Altherrenästhetik schließen lässt, die nun leider auf Regisseur Michael Wallner, auf Musikleiter Alexander Kukelka und nicht auf den anwesenden Autor Rühm zurückfällt. (Konrad Bayer beging 1964 bekanntlich Selbstmord).
Frage also keiner, worum es "gegangen" ist: In Bayer/ Rühms Welt stimmt man nämlich mit den Füßen ab. Die vielen, subtil eingebauten Episoden mit Anklängen an den Dienstmädchenroman und an das Epische Theater wurden fein negiert, dafür -zig Rühm-Chansons fortschrittshemmend eingebaut. Ein herrlich schratiger Polizist (Werner Prinz) funkelte mit bösen Kulleraugen ins Publikum. Aber auch Heinz Conrads konnte in seinen Sternstunden reichlich dämonisch aussehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2004)

Von
Ronald Pohl
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    Zeigt her eure Füße, zeigt her euren Schweiß: Simeon (Hannes Gastinger, li.) bei der hochnot-peinlichen Fuß- inspektion (re.: Ines Kratzmüller).

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