Vietnams wundersame Wässerchen

20. Juli 2005, 10:44
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Reisschnaps mit eingelegten Bienen, Bären-Gallensaft oder Ziegenhoden

Hanoi - Empfindlichere Naturen könnten sich vielleicht für einen Reisschnaps mit eingelegten Bienen erwärmen. Für die Hartgesottenen stehen unterdessen Varianten mit Kobra, Bären-Gallensaft oder gar Ziegenhoden bereit. Seit Jahrhunderten schon belassen es Schnapsbrenner in Vietnam nicht einfach dabei, aus dem Reiskorn Hochprozentigen zu destillieren. Um den Nutzen für die Gesundheit zu erhöhen, wird beigemischt, was die traditionelle Medizin des nahen China empfiehlt.

Jedermanns Geschmack ist das Ergebnis bestimmt nicht, doch schwören viele auf die Wirkung. "Für Ausländer sieht es ziemlich seltsam aus, wenn eine Schlange in der Schnapsflasche steckt", sagt Markus Madeja, Restaurant-Mitinhaber in Vietnams Hauptstadt Hanoi. "Aber in der chinesischen Medizin gibt es keinen Unterschied zwischen Arznei und Tier."

Der 35-jährige Schweizer weiß, wovon er spricht: Vor neun Jahren schon entschloss sich der studierte Völkerkundler, traditionelle vietnamesischen Reisschnaps-Rezepturen mit Tier- und Kräutereinlage etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Seit 1999 produziert er die für Europäer exotischen Wässerchen "mit höchsten technischen Standards" professionell für den Inlandsmarkt.

Jedem Tier, das im Alkohol endet, wird eine eigene, die Gesundheit fördernde Wirkung zugeschrieben: Eine bestimmte Bienenart soll gegen Atemwegserkrankungen und Hitzepusteln helfen; nach dem Jahrtausende alten Konzept der chinesischen Medizin "kühlen". Von einem in Schnaps eingelegten Gecko verspricht man sich Abhilfe bei Fieber.

Die Häute bestimmter Schlangen sollen den Effekt von Antibiotika haben. Der Gallensaft der Reptilien, wie auch der des Bären, gilt weithin als Aphrodisiakum. "Alleine in Hanoi werden rund 2000 Bären nur wegen deren Gallenblase gehalten", berichtet Markus Madeja. Was die Schlangen betrifft, kämen traditionell fünf Arten als Zutat in Frage: zwei Vipernarten, zwei Kobras und eine Grasschlange. Eingelegt werden sie für etwa sechs Monate.

Wer einmal vom Schlangenschnaps probiert hat, weiß durchaus von durchschlagenden Ergebnissen zu berichten. Ein seit Jahren in der vietnamesischen Hauptstadt lebender Brite hatte bei der Junggesellenfeier kurz vor seiner Hochzeit an dem speziellen Gebräu mehr als genippt: "Ich bin normalerweise ein völlig friedlicher Mensch, aber plötzlich pulsierte es überall und ich wurde ziemlich aggressiv", erzählt er. "Nur weil man die Wirkung mit westlichen Begriffen nicht erklären kann, heißt das ja nicht, dass der Schnaps keinen Effekt hat", bestätigt Markus Madeja.

Auf die Idee mit den traditionellen Rezepturen war er durch seine vietnamesische Frau gekommen. Seit 600 Jahren wird in ihrem Heimatdorf Reisschnaps produziert, ein Chinese hatte dereinst die Fertigkeit dorthin gebracht. "Überall im Land wird destilliert", berichtet Madeja. Allerdings werde die Beschäftigung damit kaum noch anerkannt, die Qualität der Schnäpse habe folglich sehr gelitten.

Was nicht bedeutet, dass es keine Nachfrage gibt. Nach den Erfahrungen des Schweizers ist das Gegenteil der Fall. Jedes Jahr lege der Ausstoß seines 42-prozentigen Schnapses mit dem Namen "Son Tinh" (Berggeist) um fünf Prozent zu, auf zuletzt 30.000 Liter pro Jahr. Die vietnamesische Hauptstadt mit ihren rund vier Millionen Einwohnern alleine ist ein dankbarer Markt: Jeden Tag fließen dort rund 100.000 Liter Hochprozentiges durstige Kehlen hinunter. (APA)

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