"Windows unsicher, alles andere sicher – das ist völliger Schwachsinn"

1. Dezember 2004, 11:48
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Josef Pichlmayr, Geschäftsführer des österreichischen Antivirenspezialisten Ikarus Software, im Gespräch mit dem WebStandard

Viren, Würmer, Spam – damit möchten die meisten PC-Nutzer am liebsten gar nichts zu tun haben. Nicht jedoch Josef Pichlmayr, er verdient als Geschäftsführer des österreichischen Antivirenspezialisten Ikarus Software sein Geld mit der Bekämpfung der unterschiedlichen Gefahren, die im Internet lauern.

Die Arbeit wird ihm dabei nicht so schnell ausgehen, berichtet er im Gespräch mit dem WebStandard. Zwar hat etwa der Antivirenspezialist Sophos einen Rückgang der verseuchten E-Mails im vergangenen Monat entdeckt, diese Entwicklung wurde allerdings bei Ikarus nicht registriert. Zwar könne es ein, dass die Globalfilter der großen Betreiber nun Wirkung zeigen und die klassisch „dummen“ Viren blockieren, „deshalb gibt es aber nicht weniger Viren, das ist ein Irrglaube. Vielmehr geht die Tendenz nach oben, nur ist diese Entwicklung nicht immer linear“ betont Pichlmayr.

„Informationsschlag gegen das Netz“

Im Gegenteil, so genannte High Outbreaks werden nicht nur nicht verhindert werden können, sie werden noch extremer werden. Das könne so weit gehen, dass die komplette zur Verfügung stehende Infrastruktur überlastet sein werde und es damit zum „Informationsschlag gegen das Netz“ kommen werde. „Es laufen schon Wetten, wann dieser kommt. Dabei stellt sich die Frage: Wie muss der „offensive code“ aussehen, dass ich das Netzt ausknipse. Es ist nur noch eine Frage der Zeit“, gibt sich Pichlmayr pessimistisch.

Script Kiddies oder Wannabes

Dabei bleibt die Frage, wer den all diese Schädlinge erschafft. „Die Masse der Viren bescheren uns die klassischen Script Kiddies oder Wannabes“, ist Pichlmayr überzeugt. Das merke man auch daran, dass viele Schädlinge gar keine Schadensfunktion besitzen und sich nur verbreiten.

„Es gibt mit Sicherheit Programme, die keinem Hersteller von Virenschutz bekannt sind“

Spammer würden allerdings qualitativ hochwertigere Viren programmieren, aber vor allem im Bereich der Wirtschaftsspionage „trennt sich die Spreu vom Weizen“. „Es gibt viele Trojaner, die nicht bekannt sind, es gibt eine Reihe an Exploits in Programmen, die nicht bekannt sind. Diese werden mit Sicherheit genutzt, es gibt mit Sicherheit Programme, die keinem Hersteller von Virenschutz bekannt sind“, stellt Pichlmayr klar.

„Windows unsicher, alles andere sicher – das ist völliger Schwachsinn“

Die Frage der Sicherheit hängt dabei nicht vom Hersteller ab. „Windows unsicher, alles andere sicher – das ist völliger Schwachsinn. Aus der Sicherheitsperspektive leidet Microsoft am eigenen Erfolg. Wenn Linux nur annährend den Erfolg hätte wie Microsoft, dann wäre klar, dass hinter diesen Programmen genauso viele Risiken liegen. Dann würden auch wesentlich mehr Menschen nach Sicherheitslücken suchen um diese auszunützen. Microsoft ist marktbeherrschend und daher das Primärziel von Angriffen“, räumt Pichlmayr mit Vorurteilen auf.

Angreifbarkeit ist der Preis der Usability

Die Produktphilosophie von Microsoft gehe stark in den Bereich Usability. Das System müsse möglichst einfach zu bedienen sein. Um das zu gewährleisten, seien auch zahlreiche Funktionen per default aktiviert, was natürlich auch Risiken in sich berge: „Die Angreifbarkeit ist der Preis der Usability“, fasst Pichlmayr das Problem zusammen.

Sicherheitsdenken

Im Umgang mit PCs fehle zudem das Sicherheitsdenken. Jeder wisse, dass man sich beim Autofahren anschnallen muss, am Computer ist dieses Sicherheitsdenken noch nicht vorhanden. „Man muss nicht im Detail wissen, wie die Programme funktionieren. Man muss das Bewusstsein schaffen, dass der Umgang mit dem Computern eine gewisse Qualifikation voraussetzt“.

Blick in die Zukunft

„Es wird in fünf Jahren keinen Unterschied zwischen PDA und PC geben. In drei bis fünf Jahren wird es keinen Unterschied zwischen Mobilfunk und Internet geben, es wird zu einem Netz werden,“ schildert Pichlmayr sein Bild der Zukunft.

Mit dieser Entwicklung steige aber natürlich auch die Angriffsfläche. Heute hat nicht jeder Mensch einen PC oder Internetzugang. Fast jeder habe jedoch ein Handy und sei damit permanent erreichbar. Dennoch wird es in absehbarer Zeit keine globalen Outbreaks geben, da es mehrere unterschiedliche Anbieter – sowohl bei Hard- als auch bei Software, gebe.

IE stellt alle anderen Browser in den Schatten

Welchen Internet Browser benutzt der Geschäftsführer von Ikarus, würde er den Einsatz alternativer Browser empfehlen? Das komme ganz darauf an und hänge von den Surfgewohnheiten ab. Der Internetexplorer habe den Vorteil, dass er nahezu alle Internetseiten problemlos darstelle. „Wenn man sich vor Augen führt, welche Funktionen der Internet Explorer bietet, dann stellt er alle anderen Browser in den Schatten“, sagt Pichlmayr.

Für per se unsichere Seiten, die er ja im Rahmen seines Berufes oft besuchen müsse, verwende er aber alternative Browser. Für den täglichen Gebrauch reiche der Internet Explorer hingegen völlig. „Ziel einer Attacke wird man im Regelfall ja, wenn man Links in Mails verfolgt oder Hacker beziehungsweise Warez Seiten ansurft“, betont Pichlmayr.

  • Josef Pichlmayr, Geschäftsführer des österreichischen Antivirenspezialisten Ikarus Software, im Gespräch mit dem WebStandard über sichere Betriebssysteme und Browser, Viren, Spam und den Informationsschlag gegen das Netz
    bild: ikarus

    Josef Pichlmayr, Geschäftsführer des österreichischen Antivirenspezialisten Ikarus Software, im Gespräch mit dem WebStandard über sichere Betriebssysteme und Browser, Viren, Spam und den Informationsschlag gegen das Netz

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