Herr und Knecht im Parvenu-Wohnzimmer

26. Dezember 2004, 22:28
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Nestroys "Frühere Verhältnisse" in Graz

Graz - Zwei Männer mit Vergangenheit, eine misstrauische, am ehelichen Idyll leidende Gattin und eine reumütig in den Dienstbotenstand heimkehrende Theatermaus: Das bekannte Setting für die Nestroy'sche Verwechslungs-und Verdächtigungsposse Frühere Verhältnisse funktioniert auch 142 Jahre nach der Uraufführung am Wiener Quai-Theater. Dass sich Leute für Armut oder gescheiterte Karrieren mehr genieren als für ein Verbrechen, ist einer neoliberalen Gesellschaft eben nichts Fremdes.

Gottfried Breitfuß inszenierte den verzweifelten Versuch des neureichen Holzhändlers Scheitermann (Ernst Prassel), seine frühere soziale "Niedrigkeit" zu verschleiern, am Grazer Schauspielhaus.

Sein Ehepaar Scheitermann ist in einem Parvenu-Wohnzimmer der 80er-Jahre gefangen, wo der Traum vom Eigenheim als Puppenhaus in der Ecke steht. (Bühne und Kostüme: Jessica Westhoven). Ernst Prassel und Julia Kreusch bleiben sich an Unterhaltungswerten nichts schuldig: Er als Weichei, das eine Tochter aus gutem Haus geheiratet hat, der es vergeblich Herr zu werden sucht, sie im Kostüm der gnädigen Frau, das nur unvollkommen das wilde, aber schon neurotisch gewordene Herz zu verbergen mag.

Als gewesener Unternehmer Muffl, der nach beruflichen und amourösen Talfahrten Trost als "Weinreisender" sucht, bevor er als verkommener Knecht beim eigenen ehemaligen Diener landet, spielt Dominik Warta auf - und würde von jeder Heurigenwirtin vom Fleck weg geheiratet werden. Neuzugang Katharina Knap fehlt zwar die Patina für die abgehalfterte Pompadour, die sie spielt, doch ihr Liebesgeständnis ans Theater, das Breitfuß an den Beginn des Stücks stellt, ist ein großer Auftritt, den sie - trotz dünner Gesangsstimme - frech und bravourös meistert.

Regieeinfälle verbinden sich mit Treue zum volkstheatralischen Genre. Neologismen wie das "Ratiopharm-Hascherl" alias "Apothekenluder" sowie ein Kondom als vermeintliches Corpus Delicti und viel Gesang (musikalische Leitung: Till Löffler) peppen den Einakter auf, ohne ihn aus dem Tritt zu bringen. Die Premiere am Samstag wurde von wiederkehrendem Szenenapplaus begleitet. Ein witziger und gescheiter Abend. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 11. 2004)

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