Tableaus der Mode

23. Dezember 2004, 14:11
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Die meisten Designer verstehen sich nicht als Künstler - und begreifen ihre Arbeit letztlich doch als ewigen Grenzgang zwischen beiden Welten

Vor einigen Jahren fragte ein amerikanischer Moderedakteur allen Ernstes, ob Tom Ford der neue Damien Hirst sei. Die amerikanische Künstlerin Vanessa Beecroft hatte kurz zuvor 20 Mannequins auf High-Heels im New Yorker Guggenheim-Museum wie Skulpturen ausgestellt. Fünf von ihnen hatten lediglich Schuhe an, die restlichen 15 trugen immerhin einen Bikini: Er war auch noch von Gucci. Im Nu war die Show mit dem Titel "V35" talk of the town. Doch was die einen für Kunst hielten, war in den Augen mancher Kritiker nackte Produkt-Platzierung.

Ein ganz eigenes Kapitel zur unendlichen Geschichte gegenseitiger Beeinflussung von Mode und Kunst hat der Modeschöpfer Yves Saint Laurent beigetragen. In der Ausstellung "Dialogue avec l' art" (vor kurzem in der Fondation Pierre Bergé-Yves Saint Laurent in Paris) war eine Auswahl der von Kunstwerken oder Künstlern beeinflussten Kreationen zu sehen. In seiner im Frühjahr eröffneten Stiftung hat Saint Laurent allerdings einen seltsamen Karneval der Kulturen versammelt, bunt und überschwänglich, voller Rüschen und Rausch, aber letztlich doch ein stummer, unbeweglicher Totentanz.

Modell standen Arbeiten von Pablo Picasso und Georges Braque, Kollagen von Henri Matisse, Blütenmeere von Vincent van Gogh, afrikanische Kunst und Abstraktes von Piet Mondrian: 42 Kleiderpuppen als wandelnde Gemälde. Manche von ihnen wirken, als hätten sie sich nachts in lebende Wesen verwandelt, als hätten sie in einem häuslichen Wutanfall die Kunstwerke ihrer reichen Ehemänner von der Wand gerissen, aus ihrem Rahmen geschnitten und sich die Leinwand kurz entschlossen über den Kopf gestülpt, um dann als Kunstgeschöpf und Kleiderpuppe für ewig zu erstarren. Andere sehen aus wie Raupen in ihrem Kokon, als hätten sie sich in riesigen Stoffballen verwickelt und fänden ihren Weg nicht mehr heraus: erstickt beim Versuch, aus der Mode Kunst zu machen.

Bereits ein Jahr nach der spektakulären Bikini-Show von Beecroft zog Giorgio Armani 1999 mit einer großen Retrospektive ins New Yorker Museum of Modern Art ein. Die Ausstellung hatte allerdings einen Schönheitsfehler: Sie war mit 15 Millionen Dollar von dem italienischen Modeschöpfer selbst gesponsert, und so war die Frage, ob die Mode damit endgültig den Status von Kunst erreicht hatte, ein wenig von dem Eindruck überschattet, dass es hier letztlich um nichts anderes als die große Kunst der Selbstvermarktung ging.

Die meisten Modeschöpfer behaupten mit kühlem Understatement, keine Künstler zu sein, und begreifen ihre Arbeit letztlich doch als ewigen Grenzgang zwischen beiden Welten. Schon Elsa Schiaparelli arbeitete mit Salvador Dali zusammen. Sonia Delaunay bemalte 1924 nicht nur einen Bugatti, sie entwarf auch das passende Kleid zur Karosserie. Und 1966 präsentierte Paco Rabanne seine erste Kollektion mit "Zwölf untragbaren Kleidern", um die Mode von jeglicher Funktionalität freizusprechen.

Aber die entscheidende Wende kam zweifellos mit Issey Miyake: Der Skandal war groß, als die amerikanische Kunstzeitschrift Artforum 1982 erstmals kein Kunstwerk auf ihrem Titelbild, sondern ein Mannequin im Miyake-Dress zeigte. Und wer seine Kleider nicht für Kunst oder bewegte Skulpturen hielt, wurde Mitte der neunziger Jahre eines Besseren belehrt. Miyake begann, mit zeitgenössischen Künstlern zusammenzuarbeiten. Yasumasa Morimura collagierte ein Selbstporträt mit einer Replik von Ingres' "Quelle" auf einem "Pleats-Please"-Kleid. Die Fusion war perfekt: Fashion meets art and art meets fashion.

Beim Anblick von Saint Laurents buntem Mummenschanz konnte man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass die Mode endgültig museal geworden ist. Weit zurück liegen die Zeiten, da Saint Laurents "Mondrian Dress" bei der Präsentation der Winterkollektion 1965 / 66 Sensation machte: Ein Modeschöpfer hatte es gewagt, die Maler der klassischen Moderne von ihrem Podest zu heben und in die Straße zu tragen. Alles daran war Provokation. Es war eine Hommage an die Kunst und im gleichen Atemzug ihre Banalisierung, ihr Eintritt in die Alltagskultur.

Noch dazu benutzte er für den "Mondrian Dress" und die darauf folgenden Warhol-Kleider einen dicken Jersey, als würde er damit die Steifheit des Tableaus zwar zitieren, aber zugleich auch der puren Imitation eine Absage erteilen wollen. Die Struktur des Stoffes ist viel zu grob, als dass sie die klaren Linien eines Mondrian reproduzieren könnte. Ein Blick auf das Gemälde bestätigt das: Mondrians "Composition" aus dem Jahr 1921 ist im Besitz von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé und hängt gleich neben dem Kleid.

"Ich wollte Fäden ziehen zwischen der Kunst und der Mode"

Man muss das wohl als Understatement werten. Als Illustration der Aussage, er habe die Kunst nie kopieren wollen, sondern sich lediglich von ihr inspirieren lassen. "Ich wollte Fäden ziehen zwischen der Kunst und der Mode", sagt Yves Saint Laurent. Bei den Capes, die Braques Collagen zitieren, ist ihm das auf ganz eigene Art gelungen: Sie wirken wie elegante Wiedergänger der Kunst.

Andere Kleider zeigen aus dem Abstand der Jahre, dass sich der Großmeister bei diesem Versuch des Fädenziehens elendig verheddert hat. Mit dem blauen Satinkleid, eine Hommage an Matisse, möchte man heute keine Karnevalssitzung mehr eröffnen. Und die groben Paillettenvögel, die sich da aus manchem Dekolletee erheben, erinnern eher an die aggressiven Vögel von Hitchcock denn an die Friedenstauben eines Matisse oder Picasso. (Der Standard/rondo/Martina Meister/5/11/2004)

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    foto: ysl
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