Gershon Baskin im STANDARD-Interview: "Er bleibt auch nach seinem Tod relevant"

11. November 2004, 07:30

IPCRI-Experte: Nachfolger kann keine Zugeständnisse machen, die der Palästinenser-Präsident nicht machte

Wien/Jerusalem – Yassir Arafat wird über seinen Tod hinaus relevant bleiben, sagt Gershon Baskin vom Israel Palestine Center for Research and Information (IPCRI), einem israelisch-palästinensischen Thinktank in Jerusalem, am Telefon zum STANDARD: "Wer auch immer jetzt die palästinensische Führung übernimmt, er hat keine Legitimität das zu tun, was Arafat nicht getan hat" – das heißt, sein Nachfolger könne zumindest vorläufig nicht Zugeständnisse an Israel machen, die Arafat selbst verweigert hat. "Das ist ein Vermächtnis, das ziemlich lange halten wird, außer es gibt wirklich einen radikalen Wechsel auf palästinensischer Seite – was ich nicht erwarte", sagt Baskin.

Das könnte sich laut Baskin jedoch nach Wahlen ändern: Die Palästinenser planen ja für die dritte Dezemberwoche bereits Lokalwahlen, danach werden sie versuchen, Wahlen auf nationaler Ebene abzuhalten, was der neuen Führung Legitimität verschaffen würde.

Die offiziell vorgetragene Verleugnung von Arafats schlechtem Zustand, die die Palästinenserführung auch noch am Donnerstag praktizierte, erklärt Baskin damit, dass man "keine Panik" erzeugen wollte, man sei in der Organisierungsphase. "Worüber auch niemand offiziell redet – inoffiziell natürlich schon: Es gibt Gerüchte, dass sich Arafat geweigert hat mitzuteilen, wo das PLO- Geld ist. Wir sprechen von mindestens 800 Millionen Dollar. Jetzt ist die Frage, wer weiß davon, und wer hat Zugang dazu?" Der Finanzminister nicht und der Premierminister nicht, meint Baskin.

Dazu käme die Angst, dass Chaos ausbricht, auf lokaler, nicht auf nationaler Ebene. "In der Führung selbst scheint es keine internen Kämpfe darüber zu geben, wer übernehmen soll", Abu Mazen scheint unbestritten zu sein. Und es gibt Übereinstimmung, dass Arafats Ämter aufgeteilt werden, auf mindestens drei Personen. Aber auf lokaler Ebene gibt es Machtkämpfe, besonders in Gaza. "Es gibt Leute, deren Macht und Prestige direkt an Arafat gebunden war, wie Jibril Rajoub oder Moussa Arafat."

Die Frage, ob die israelische Rückkehrgarantie nach Palästina auch für einen toten Arafat gilt, bejaht Baskin. Aber Sharon habe ganz klar gemacht, dass Arafat nicht in Jerusalem begraben werden darf. "Ich nehme an, die Palästinenser werden ihn in Ramallah begraben, um später seine Gebeine nach Jerusalem zu bringen, wenn sie ihre Hauptstadt dort haben." Arafat wäre gerne am Haram al-Sharif (Tempelberg) begraben, wo auch König Abdullah (der Urgroßvater des jetzigen jordanischen Königs) liegt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.11.2004)

von Gudrun Harrer

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