"Schlagfertig, kurz und witzig, das wärs halt"

4. November 2004, 10:00
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Grünen-Chef Alexander Van der Bellen im E-Mail-Interview über seinen Kommunikations­stil, Schulden-Karli, US-Wahlkampf, VP-Lopatka und die Kronen Zeitung

Im sechsten Teil der Serie "Politik und Kommunikation" nimmt Grünen-Chef Alexander Van der Bellen zu seiner Art der Kommunikation Stellung. Manchmal wäre er gerne schlagfertiger, räumt er gegenüber Rainer Schüller ein.

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derStandard.at: Es heißt, es gäbe in Österreich eine Veramerikanisierung der politischen Kommunikation. Ist das gut oder schlecht? Was können die Grünen vom US-Wahlkampf lernen?

Van der Bellen: Eher schlecht. Lernen: Keep it short and simple - Kiss.

derStandard.at: Wollen Sie den "Schulden-Karli" für Finanzminister Karl-Heinz Grasser noch immer nicht zurücknehmen?

Van der Bellen: Nein. Wenn die ÖVP Edlinger als Schulden-Rudi bezeichnet hat, ist das für Grasser recht und billig.

derStandard.at: Ist das der richtige Umgangston für einen Professor?

Van der Bellen: Wer weiß. Aber: Kiss!

derStandard.at: Reinhold Lopatka hat in dieser Rubrik zu Ihrem Kommunikationsstil gemeint, "wenn ich an den Professor denke, schlafe ich immer ein". Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an den ÖVP-Generalsekretär denken?

Van der Bellen: Hoffentlich schläft er recht lang.

derStandard.at: Halten Sie Ihr Auftreten selbst manchmal für zu zurückhaltend bzw. leise? Was würden Sie selber gerne an Ihrer Performance verbessern?

Van der Bellen: Manchmal ja - schlagfertig, kurz und witzig, das wärs halt.

derStandard.at: Wie sehen Sie die Kommunikationsleistung der Grünen im Vergleich mit anderen Parteien?

Van der Bellen: Ich finde, eh gut. Wir können uns nicht auf Ministerien, Kammern usw. stützen.

derStandard.at: Von Ökologie ist schon länger nicht mehr wirklich die Rede. Ist denn mit dem Umweltschutz in Österreich alles in Ordnung, oder machen die Grünen was bei der Kommunikation falsch, wenn ihr ureigenstes Thema fast nicht mehr präsent ist? Wie stark wird das Thema von der ÖVP (durch Umweltminister Pröll) besetzt?

Van der Bellen: Verkehr (Dieselfeinstaub!) oder Energie (Weg vom Öl!) sind nicht präsent? Pröll wird von Bartenstein sabotiert und von Schüssel im Stich gelassen.

derStandard.at: Die Satire-Sendung "Dorfers Dorferstalk" nahm letztens die Grünen auf die Schaufel. Titel: "Wo sind die Grünen geblieben? Einst eine hoffnungsvolle Jungpartei, hört man nichts mehr von ihnen. Wie haben Sie die Show als selbstkritischer Rezipient aufgenommen? War da auch etwas Wahres dran?

Van der Bellen: Gemischte Gefühle. Schlägst jeden Tag Lärm, hören die Leute bald nicht mehr zu.

derStandard.at: Die neue Klubobfrau der Wiener Grünen Maria Vassilakou wurde nun schon mehrfach in Boulevard-Zeitungen gesichtet. Gibt es eine Medienstrategie der Grünen, die mehr in Richtung Kleinformat abzielt?

Van der Bellen: Wir versuchen jedes Medium zu nutzen. In Umweltfragen ist die Krone oft auf unserer Seite.

derStandard.at: Was denken Sie, wenn sie über das neue Glück ihrer Stellvertreterin Eva Glawischnig über die Zeitungen erfahren?

Van der Bellen: Indiskrete Medien sind eine Pest. Privates soll privat bleiben.

derStandard.at: Die Grünen betonen immer wieder, für die Regierungsverantwortung bereit zu sein. Wie sehr hängt es in Österreich vom Verhältnis zu Kronen Zeitung und ORF ab, ob man in die Regierung kommt oder nicht?

Van der Bellen: Nach der Wahl: Gar nicht. Vor der Wahl präferieren sie den Status Quo.

derStandard.at: Haben Sie schon einmal mit Krone-Chef Dichand Gugelhupf gegessen?

Van der Bellen: Nein. Aber Kaffee getrunken.

derStandard.at: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" - Was halten Sie von diesem Sprichwort?

Van der Bellen: Zum täglichen Leberkäs muss man nicht immer seinen Senf draufpappen. Aber in wichtigen Fragen Linie halten - auch im Reden!

Serie Politik und Kommunikation

derStandard.at befragt in regelmäßigen Abständen ParteivertreterInnen, WissenschafterInnen und sonstige Menschen, die etwas zu sagen haben, zur politischen Kommunikationskultur in Österreich. Damit diese Kommunikation nicht einseitig verläuft, können Sie uns Ihre Kritik bzw. Anregungen zur Serie per Mail an onlinepolitik@ derStandard.at mitteilen.

  • Alexander Van der Bellen: "Zum täglichen Leberkäs muss man nicht immer seinen Senf draufpappen."
    foto: standard/cremer

    Alexander Van der Bellen: "Zum täglichen Leberkäs muss man nicht immer seinen Senf draufpappen."

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