Der heimliche König

26. Juli 2005, 11:45
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Jean-Paul Gaultier macht Paris stolz und versöhnt die Metropole mit der rauen Wirklichkeit der Modewelt: Endlich hat wieder einmal ein Franzose das Sagen in einem der feinsten Tempel des Luxus.

Für diese Herbst / Wintersaison hat Jean-Paul Gaultier zum ersten Mal die Mode für Hermès entworfen - und auf Anhieb einen Hit gelandet. Kein Engländer, Deutscher oder Amerikaner wie bei Dior (John Galliano), Chanel (Karl Lagerfeld) oder Louis Vuitton (Marc Jacobs) zeichnet nun in dem 1837 gegründeten Traditionsunternehmen für die Entwürfe verantwortlich, sondern Jean-Paul, das freche Gassenkind aus Arcueil, einem nicht so feinen Vorort von Paris.

Das Ergebnis dieser überraschenden Zusammenarbeit ist Balsam auf die Modeseele der Stadt. Dabei war es eigentlich Liebe auf den zweiten Blick. "Ich habe die Position nicht akzeptiert", sagt Gaultier dazu lachend, "ich habe mich vorgeschlagen!"

Nicht, dass man sich nicht gemocht hätte. Im Gegenteil. Um Gaultier Handlungsspielraum im eigenen Unternehmen zu geben, Boutiquen in New York oder Tokio eröffnen zu können und sich als Couturehaus zu etablieren, kaufte 1999 Jean-Louis Dumas-Hermès, der unkonventionelle Präsident des Hauses und Ururenkel des Firmengründers, ein Drittel von Gaultiers 610-Millionen-Dollar-Kompanie. So kam Geld in die Kasse. "Doch wir sind nur Gast", betonte Dumas-Hermès in einem Interview, "Jean-Paul ist der Chef, und wir geben ihm die Möglichkeit, sein Talent zur vollen Blüte zu bringen."

Was also lag näher, als diesen Kompagnon um ein paar Vorschläge für Nachfolger zu bitten, als im vergangenen Jahr der Belgier Martin Margiela die Absicht äußerte, seinen Dienst als Hermès-Designer aufzugeben, um sich wieder verstärkt um die eigene Kollektion zu kümmern. Schließlich war Margiela zuvor Gaultiers Assistent gewesen.

Man traf sich zum Essen. Gaultier schlug Hussein Chalayan vor und Rick Owens. Erst zu Hause wusste er, dass er selbst den Job machen wollte. "Um für ein anderes Haus kreieren zu können, muss man in es verliebt sein", meint Gaultier, und er hatte sich beim Nachdenken über die Nachfolge tatsächlich in jene durch und durch pariserische Tradition von Hermès verliebt, in die "femme classique" mit dem bourgeoisen Image aus Faltenrock, Seidentuch und Handtasche. Der "Kelly-Bag" natürlich, benannt nach Grace Kelly, der 1955 als Fürstin von Monaco die Tasche so gut gefiel, dass sie sie zu der ihren machte. Oder soll es die unkonventionelle "Birkin" sein, die zwei Jahre Wartezeit abverlangt und 1984 der Schauspielerin Jane Birkin gewidmet wurde. Jackie Kennedy bevorzugte übrigens die "Trim" aus ledereingefasstem Canvas. Im Krieg der Handtaschen, der hinter den Kulissen zwischen Mailand und Paris tobt, sind das Fragen von grundlegender Bedeutung.

Also schlug Gaultier sich selbst vor und gewann. Den Sieg jedoch trug das Haus Hermès davon, dessen Kollektion die richtungsweisendste im diesjährigen Pariser Modewinter ist. Für sie kehrte Jean-Paul zu den Anfängen des Unternehmens zurück und ließ sich von allen Aspekten der Reitermode inspirieren. Schließlich hatte Thierry Hermès, der Firmengründer, mit einer Sattlerei begonnen. Nun begleiteten klassische Reiterhosen mit seitlichen Ausbuchtungen, Jodhpurs oder Breeches genannt, perfekt auf den Leib gearbeitete Reiterjacken mit körbchenartigen Schößchen. Aus Alligatorleder verblüfften sie mit zipfeligen Effekten und roh belassenen Kanten. Die berühmten Hermès-Foulards blitzten aus Faltenröcken, und das Schleifenband mit Kutschenaufdruck, das Shopper-Herzen höher schlagen lässt, druckte Gaultier auf Seidenkleider - in Hermès-Orange! Der Clou allerdings waren kleine, feine Kelly-Bag-Verschlüsse an faltenreichen Kilts oder lässigen Humphrey-Bogart-Trenchcoats.

Das einstige "Enfant terrible" der Pariser Modeszene war erwachsen geworden. Der 1952 geborene Designer hatte gekonnt ausgespielt, was ihn berühmt machte, nachdem er 1976 seine erste Kollektion gezeigt hatte: Fun & Ironie im Zusammenspiel mit Fashion-Klassik. Das bedeutete, dass er ganz normalen Anzügen, Mänteln und Jacketts mit Experimentierfreude zu Leibe rückte. Keine Naht blieb, wo sie war. Taschen beutelten. Und Schultern waren in den Eighties so breit, dass sie auf die Oberarme fielen. Er zog Röcke über Hosen, spielte mit afrikanischen Mustern und machte aus Trenchcoats Abendkleider. Als Inspiration dienten ihm die Frauen auf der Straße oder die Concierge, die Pariser Hausmeisterin, die im Morgenmantel über Pyjamahosen das Trottoir kehrte.

Eine Frau aber sollte ihn zeitlebens beeinflussen. Sie hieß Mémé Garrabé und war seine Großmutter. Als kleiner Junge hatte er sie häufig in jenen altmodischen Korsetts aus walfischstäbchenverstärktem Satin gesehen. Mit einer konisch ausgearbeiteten Tütenbüste ging später Madonna auf Tournee. Und für Hermès trug Nadia Auermann ein wie ein Sattel gearbeitetes Korsett aus toffeefarbenem Leder über einem Kaschmir-Rolli zu Reithosen mit Stiefeln.

Auch seine erste Erinnerung an das Nobelhaus hatte Gaultier seiner Großmutter zu verdanken. Ihr Lieblingsparfum war "Calèche", der Klassiker unter den Hermès-Düften. "Ich wusste nichts von Hermès", sagte er später dazu in einem Interview, "aber der Name hat sich mir für immer in Verbindung mit Wochenende eingeprägt. Weich und sanft, komfortabel und elegant. Und stets luxuriös."

Später hatte er dann das Traditionsunternehmen aus den Augen verloren. Erst 1997 interessierte es ihn wieder, als sein Ex-Assistent Martin Margiela dessen Mode entwarf. "Dann allerdings habe ich mich zuweilen ertappt, dass ich mir Margielas Entwürfe betrachtete und dabei dachte: Was hätte ich an seiner Stelle entworfen?" (DERSTANDARD/rondo/Peter Bäldle/05/11/04)

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