ÖBB-Aufsichtsrat zieht Bremse

1. Dezember 2004, 20:08
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Die obersten Aufpasser der ÖBB ziehen bei den Frühpensionierungen die Bremse. Bevor über einen Personalabbau gesprochen wird, soll ein Strategiepapier auf den Tisch

Wien - Eine Frühpensionierungswelle bei den ÖBB noch im heurigen Jahr scheint vorerst vom Tisch zu sein. Bevor über eine Personalabbauwelle über Frühpensionierungen oder Golden Handshakes gesprochen werde, sollen die Bahnvorstände Konzepte auf den Tisch legen, in welche Richtung sie die neu aufgestellte Bahn weiterentwickeln wollen.

Das sei der Grundtenor beim ersten Zusammentreffen des Bahn-Aufsichtsrats mit dem neuen ÖBB-Chef Martin Huber am Mittwoch gewesen, sagte ein Aufsichtsrat dem STANDARD.

Geredet werden soll auch über anderweitige Verwendungsmöglichkeiten von Eisenbahnern, für die es in ihrem angestammten Bereich keine Verwendung mehr gibt. Der Vorstand habe die Vorlage eines Strategiepapiers bis kommenden Februar als machbar bezeichnet.

"Es kursieren viele Zahlen"

Zu den zuletzt genannten rund 12.000 Eisenbahnern, die bis 2010 abgebaut werden sollen, sagte Huber: "Es kursieren zu viele Zahlen." Zuletzt hatte es auch starke Kritik von Regierungsseite an Frühpensionierungen bei der Bahn gegeben. Er, Huber, fühle sich jedenfalls nicht zurückgepfiffen von der Politik, sagte der seit Anfang November tätige neue ÖBB-Chef. Regierungsvertreter hätte eben ihre Meinung geäußert.

Vor wenigen Tagen hatte Huber gemeint. "Die Restrukturierung der ÖBB ist ein Auftrag an den Vorstand. Das kostet in jedem Fall Geld - am meisten in der derzeitigen Situation: Wenn die Politik bestimmte Maßnahmen nicht will, wird die Restrukturierung einfach länger dauern."

Mit der Gewerkschaft will Huber nun auch über weitere Änderungen beim Dienstrecht reden, vor allem über die Lockerung des Kündigungsschutzes. Beim obersten Eisenbahngewerkschafter Wilhelm Haberzettl beißt er damit auf Granit. "Das kommt nicht in Frage."

Mehr Markt und Umsatz

Aufs Gas drücken will Huber im Güter- und Personenverkehr gleichermaßen: "Wir brauchen mehr Markt und Umsatz." Im Personenverkehr will man das Angebot stufenweise verbessern. "Dort, wo es entsprechende Nachfrage gibt, werden wir den Fahrplan weiter verdichten", sagte Personenverkehrsvorstand Stefan Wehinger dem STANDARD.

Ein durchgehendes Taktangebot wie in der Schweiz sei in Österreich aus geographischen Gründen wirtschaftlich nicht machbar. "Die Schweiz hat mit der zentralen Lage von Zürich ideale Voraussetzungen, das ganze Land im Takt zu bedienen. In einem Land wie dem unseren mit Wien im Osten und vergleichsweise kleinen Städten entlang der West- und Südachse ist die Ausgangssituation eine andere."

Mehr Angebot in der Schweiz

Wie berichtet, wird das Zugangebot in der Schweiz mit Fahrplanwechsel deutlich ausgeweitet. Die SBB bieten auf ihrem Streckennetz ab 12. Dezember zwölf Prozent mehr Züge an und 14 Prozent mehr Zugkilometer. Zwischen den wichtigsten Zentren des Landes wird im Halbstundentakt gefahren.

Die ÖBB haben Anfang der neunziger Jahre mit dem "Neuen Austrotakt" (NAT) ähnliches probiert. Ziel der Bahnstrategen damals war, mit einem verdichteten Zugangebot neue Reisende zu gewinnen. Das Zugangebot wurde in der Folge schlagartig um 29 Prozent ausgeweitet. Wehinger: "Man ist mit vollem Risiko hineingegangen".

Die Nachfrage stieg dadurch aber nur um zehn Prozent. In den ersten vier Jahren summierte sich das Defizit auf drei Mrd. Schilling - umgerechnet 220 Mio. Euro. In der Folge wurde das Angebot wieder reduziert. (Günther Strobl/DER STANDARD Printausgabe, 04.11.2004)

  • Will mit der Gewerkschaft Verhandlungen über das Eisenbahnerdienstrecht führen: der neue ÖBB-Chef Martin Huber.
    foto: der standard/matthias cremer

    Will mit der Gewerkschaft Verhandlungen über das Eisenbahnerdienstrecht führen: der neue ÖBB-Chef Martin Huber.

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