Wiener Grüne befürchten "Straßenkinder" in Wien

2. Februar 2005, 17:43
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Kritik an Einsparungen im Schulbereich und mangelndem Angebot an Ganztagesschulen - SPÖ findet Vorwürfe "nicht nachvollziehbar"

"Straßenkinder" in der Bundeshauptstadt befürchten wegen des Finanzausgleichs und der Einsparungen der vergangenen Jahre die Wiener Grünen. Die Politik der Bundes- wie der Stadtregierung im Schul- bzw. Sozialbereich treffe primär Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch schwachen Familien, betonte die Grüne Schulsprecherin Susanne Jerusalem bei einer Pressekonferenz. Stattdessen schlägt sie vor, massiv Geld in die Hand zu nehmen und alle Pflichtschulen kostenlos zwischen 07.30 und 17.30 Uhr zu öffnen.

Als Fehler der Wiener Stadtregierung, "die nix mit Schwarz-Blau zu tun haben", bezeichnete Jerusalem die Einstellung der interkulturellen Lernbetreuung bereits vor einem Jahrzehnt sowie Kürzungen beim Jugendamt in den vergangenen beiden Jahren. Das treffe gerade jene Familien, die die größte Bildungsferne aufweisen.

Die Kürzungen durch den "alten" Finanzausgleich (2001-2004) bei den Pflichtschullehrern hätten zu einer Erhöhung der Klassenschülerzahlen und zu Einschränkungen bei den unverbildlichen Übungen sowie bei der Integration und der Förderung sowohl lernschwacher als auch überdurchschnittlich begabter Kinder geführt, meinte Jerusalem. Der "neue" Finanzausgleich schreibe nun wieder den "ganz schlechten" Betreuungsschlüssel fort und sei mit einem österreichweiten Plus von zwölf Mio. Euro jährlich bestenfalls ein "Tropfen auf den heißen Stein". Es bleibe damit "so schlecht, wie es war plus einem Kleinstzuckerl - Liliput-Drops".

In Wien würden derzeit nur knapp ein Viertel aller Pflichtschulen ganztägig geführt, die zusätzlich angebotenen Horte seien auf Grund der Raumnot und der großen Gruppen kein Ersatz. Folge: "Wenn ich weniger anbiete am Nachmittag, dann kugeln die Kinder im Park herum", so Jerusalem. Und die derzeitige Regelung, dass Nachmittagsbetreuung etwas koste, halte Jugendliche aus sozial schwachen Schichten genau davon fern - "das ist zwar sozial gestaffelt, aber wir sehen, dass gerade die sozial Schwachen am Nachmittag nicht da sind".

Bei der kostenlosen Öffnung der Pflichtschulen von 07.30 bis 17.30 Uhr gehe es ihr nicht um eine "Zwangsganztagsschule", meinte Jerusalem. Wichtig sei aber, dass in den Gebäuden Betrieb herrsche, dass Turnanlagen und Computer nicht brach liegen und zumindest Pädagogen zur Verfügung stehen, die bei den Hausaufgaben helfen. Das Interesse von Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (S) an diesen Themen schätzt Jerusalem als eher gering ein: "Ich weiß nicht, ob sie sich mit etwas anderem als den AHS beschäftigt."

Kritik an den Aussagen Jerusalems kommt von der SPÖ. "Mehr als leichtfertig und nicht angebracht" sind für den Vorsitzenden des Gemeinderatsausschusses für Bildung, Jugend, Information und Sport, Heinz Vettermann (S), die Aussagen von Susanne Jerusalem über drohende "Straßenkinder" in Wien - "auch wenn die Armut durch den Sozialabbau von Schwarzblau steigt", so Vettermann in einer Aussendung: "Wir kennen den Ausdruck Straßenkinder aus Ländern, in denen es weit gravierendere Probleme gibt." Damit disqualifiziere sich Jerusalem "wieder einmal selbst".

Die Stadt Wien sei "vehement für mehr Lehrerposten eingetreten", meinte der SPÖ-Gemeinderat. Nicht nachvollziehbar seien auch die Vorwürfe Jerusalems zur Nachmittagsbetreuung. Die Grüne selbst habe eingeräumt, dass die Kosten dafür sozial gestaffelt seien: "Das heißt auch, dass die sozial Schwachen nicht aus finanziellen Gründen von der Inanspruchnahme abgehalten werden. Hier gibt es keine soziale Barrieren." Die Stadt interessiere sich auch, wo sich Jugendliche aufhalten, meinte Vettermann. Man versuche durch Information die Jugendlichen bzw. deren Eltern für die Nachmittagsbetreuung zu gewinnen: "Wir arbeiten auch mit Streetwork und aufsuchender Jugendarbeit und warten nicht, bis bildungsferne Schichten ihre Kinder auch am Nachmittag in die Schule schicken."

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