Das Damoklesschwert der Demografie

22. Februar 2005, 20:15
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Philipp Vorndran, Chefstratege der Credit Suisse Asset Management, sieht die Zukunft Europas wenig positiv - Kritik übt er auch an der Zukunftsvorsorge - Seine Anlagestrategien für 2005

2005: Emerging Markets und Rohstoffe im Vordergrund

e-fundresearch: Herr Vorndran, das Jahr 2004 neigt sich seinem Ende zu, auch für Anleger. Welche Strategie sollte man 2005 an den Kapitalmärkten ihrer Meinung nach verfolgen?

Philipp Vorndran: Im nächsten Jahr muss ein Investor primär einmal Emerging Market Aktien im Portfolio haben, da Europa weiterhin einen sehr steinigen Weg vor sich hat. Das Lohnniveau ist im Vergleich zur Produktivität hierzulande einfach viel zu hoch. Das muss sich schnell ändern, denn der Rest der Welt hat aufgeholt.

Weiters sollte man Rohstoffe nicht vergessen, obwohl der Ölpreis derzeit doch etwas zu hoch erscheint. Trotzdem bleibt die globale Nachfrage nach Rohstoffen inklusive Lebensmittel weiterhin hoch.

„US-Dollar wird sich weiter abschwächen“

Drittens sollte man klassische Euro-Staatsanleihen etwas abbauen, denn das ständige Brechen der Maastricht-Kriterien wird früher oder später auf den Markt durchschlagen. Als Alternative bieten sich hier Unternehmensanleihen bester Bonität an.

Währungsseitig dürfte sich 2005 der US-Dollar weiter abschwächen, denn nach den US-Wahlen wird die Diskussion um das große Doppeldefizit wieder zunehmen. Mittelfristig ist aber auch der Euro nicht die Währung um die ich ein Portfolio aufbauen würde, kurzfristig will der Markt aber einfach einen schwächeren US-Dollar sehen.

„Immobilienblasen platzen nicht“

e-fundresearch: Die Immobilienblase erwähnen Sie nicht?

Philipp Vorndran: Nein, weil dieses Problem 2005 noch kein Problem darstellen wird. Außerdem platzen Immobilienblasen nur sehr selten, sondern die Luft entweicht über längere Zeiträume in kleinen Schritten. Auch wird die Liquiditätsversorgung aufgrund der schwachen Welt-Konjunktur hoch bleiben und das vorhandene Geld muss dann irgendwo investiert werden. Da weder Aktien noch Anleihen derzeit besonders interessant erscheinen, fließt das Geld eben in Realwerte wie Immobilien oder Rohstoffe. Während in den letzten beiden Jahren aber vor allem Immobilien von überschüssiger Liquidität profitiert haben, so sollten das in den nächsten Jahren großteils Rohstoffe sein.

„Europa rast mit 300 km/h gegen die Wand“

e-fundresearch: Versuchen wir etwas weiter in die Zukunft zu blicken. Wie geht es in Europa langfristig weiter?

Philipp Vorndran: Aus meiner Sicht sind die Aussichten in den entwickelten Märkten nicht besonders gut. Das erste Problem ist die Demografie, da laufen wir in sehr große Probleme hinein, die wir einfach nicht ändern können. Diese Punkte sind bereits seit über 20 Jahren bekannt, ein Damoklesschwert also das über unseren Köpfen schwebt und dem wir nicht auskommen werden. Derzeit fahren wir mit 300 km/h auf diese Wand zu, die Politik hätte aber noch die theoretische Chance das Tempo auf 60 km/h hinunterbremsen. Klarer ausgedrückt: wir müssen die strukturellen Probleme in Europa schnell angehen um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Besondere Kernpunkte sind dabei Investments in Infrastruktur und Bildung bzw. eine deutliche Senkung der Arbeitskosten.

Kritik an der Zukunftsvorsorge

e-fundresearch: Keine guten Aussichten also für Europa. Wie stehen Sie dann eigentlich zur privaten Altersvorsorge?

Philipp Vorndran: Diese wird zukünftig enorm an Bedeutung gewinnen. Wenn ich mir aber das österreichische Zukunftsvorsorgemodell ansehe, so muss man das schon auch kritisch sehen. Dass die Wiener Börse in den letzten beiden Jahren so gut performt hat, ist zu einem erheblichen Teil auch durch die hohen Zuflüsse aufgrund der Zukunftsvorsorge zurückzuführen.

So schön dies derzeit für die Anleger auch sein mag, so verheerend wird das wenn alle wieder verkaufen. In der Schweiz käme weiters niemand auf die Idee so ein Produkt mit Mindestlaufzeit auch noch mit Kapitalgarantie auszustatten und auf den inländischen Kapitalmarkt zu fokussieren. Die staatliche Förderung wird bei der Zukunftsvorsorge also indirekt dafür verwendet den inländischen Kapitalmarkt zu subventionieren. Das finde ich sehr bedenklich, denn so etwas war vor 20 Jahren in Mode und ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß. Kapitalmarktförderung muss anders aussehen, etwa durch die Verbesserung der Qualität der Unternehmen, des Börsenhandels etc.

Euroland: 3 Prozent p.a. Rendite langfristig realistisch

e-fundresearch: Mit welchen Aussichten rechnen Sie eigentlich bei Aktien und Anleihen in den nächsten 20 Jahren?

Philipp Vorndran: Renditen hängen vom nominalen Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft ab. Das reale Potentialwachstum in Europa etwa liegt bei 1,5 Prozent, die Inflationserwartungen liegen bei 1,5 Prozent. Investments die ausschließlich in Euroland investieren, sollten also rund 3 Prozent pro Jahr abwerfen. Mit einem geringen Risikoaufschlag für Aktien sind das realistische Prognosen.

e-fundresearch: Das klingt aber nicht sehr viel…

Philipp Vorndran: Das stimmt, aber die meisten Leute leben einfach noch mit alten Renditevorstellungen bei viel höherer Inflationsraten. Zum Problem wird das Ganze nur, wenn der Euro gegenüber den zukünftig großen Währungen wie Renmimbi oder Rupie aufgrund der schlechteren Dynamik und der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit stark abwertet. Ein Szenario, dass durchaus realistisch erscheint. Dann importieren wir aber höhere Inflation und die Realrenditen werden negativ. Für kapitalgedeckte Pensionssysteme eine Katastrophe, solange sie nicht wirklich global investieren…

Inflation ex Europa wird zum Problem

e-fundresearch: Inflation wird also zum Problem?

Philipp Vorndran: In Europa ist die Inflation noch für die nächsten Jahre tot. Global ist das Problem aufgrund der hohen Rohstoffpreise und steigender Löhne in den Schwellenländern aber nicht zu unterschätzen. Für Anleihen ist das zukünftig natürlich gar nicht gut, wobei man hier wie gesagt regional unterscheiden muss: moderate Inflation bzw. Deflation in Europa, aber höhere Inflation in den USA und sehr starke Inflation im Rest der Welt. Auch das macht Schwellenländer-Aktien und Anleihen besonders interessant. Lateinamerika wird hier besonders stark unterschätzt. Auch Australien – als Nachbar dieser Wachstumsregionen - darf man nicht vergessen, hier sieht sowohl die Währung als auch die Wirtschaft hervorragend aus.

e-fundresearch: Vielen Dank für das Gespräch!

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