Honoris Causae

3. Februar 2005, 17:41
4 Postings

Über die Gage würde man nicht diskutieren müssen: Man wolle I. einen Doktortitel verleihen...

I. verstand nicht. Aber das liegt daran, dass I. auch nach 15 Jahren in Österreich noch nicht integriert ist. Sicher: Sein Deutsch ist akzentfrei. Und die Unterschiede zwischen deutschem und österreichischem Deutsch hat er verstanden. Und auch mit chronischem Obrigkeitsglauben, prinzipieller Larmoyanz und verkapptem Katholizismus kann er mittlerweile umgehen. Aber manchmal sucht sich der Ausländer in I. dann doch einen Weg an die Oberfläche. Etwa dann, wenn I. nicht versteht, dass wir ihn nicht verstehen. Weil I. den Titel nicht wollte: Er habe, betont I. – und wenn er heftig wird, ist sein französischer (I. betont frankokanadischer) Ursprung unüberhörbar – doch weder studiert noch irgendwelche auch nur ansatzweise relevanten Werke geschaffen.

Unsauber nachgeschmissen

Wieso solle er sich da einen Doktortitel nachschmeißen lassen? Das, hatte uns I. mit dem Brustton der Überzeugung und im sicheren Glauben, wir würden ihm alle zustimmen, erklärt, wäre all jenen gegenüber, die sich an österreichischen Universitäten mit Mühe, Eifer und Fleiß ihre Titel redlich erwürben, unfair. Unsauber. Unlauter. Erst recht in einer Zeit, in der es aussähe, als würde die Politik alles daran setzen, Universitäten unbenutzbar und das Studium unattraktiv bis unmöglich zu machen. Allein das Angebot eines Nachwurf-Gratis-Doktors, so I., sei da ein Skandal.

Aber der Reihe nach: I. hat sich mit einer kleinen Agentur einen ganz guten Ruf in Sachen Eventpromotion, Marketing und PR aufgebaut. Sein Spezialgebiet sind Bälle. I. verrechnet pauschale Beträge plus Prozente bei dem von ihm aquirierten auf „seinen“ Events Werbenden. Mitunter – auch nicht unüblich - wird in Naturalien oder Gegenleistungen bezahlt. Aber einen Titel hatte I. bis dato noch niemand angeboten.

Interessante Gage

Es ging um den Ball einer Universität. Ein renommiertes und bekanntes Institut fragte bei I. hochoffiziell an, ob er nicht die komplette Promo-Schiene übernehmen wolle. Über die Gage, war der Chef des Hauses von Anbeginn an sicher, I. ein großartiges Angebot zu machen, würde man nicht diskutieren müssen. Seine Pauschale solle dauerhafter und krisenfester als schnödes Bargeld sein: Man wolle I., der nie maturiert hatte, einen Doktortitel verleihen.

Ganz offiziell. Mit Stempel und Siegel. Mit Pomp und Würden. Für Dokumente, Firmenschild und Visitkarten. Der Mann von der Universität war begeistert: Ein paar Wochen Arbeit und schon Akademiker, das könne und würde niemand ausschlagen. Der Titel, schränkte er ein, wäre zwar formal einer „honoris causae“, aber – ließ er keine Niedergeschlagenheit aufkommen - das h.c. würde niemanden interessieren: In Österreich frage keiner – und im Ausland verstünde niemand dieses System. Ob I. nicht begeistert wäre – und deshalb bei den Aquise-Prozenten etwas nachlassen würde?

Versteckte Kamera

Er habe, sagte I., zunächst gesagt, man solle die versteckte Kamera ausschalten. Er würde der Ausstrahlung dieses Sketches nämlich seine Zustimmung verweigern. Und als der Hohe Herr der Universität versicherte, dass derartiges gängige Praxis sei, sei er aufgestanden und gegangen. Ihm, sagte er, bedeuteten Titel nichts. Nicht, wenn er sie weder verdient noch angestrebt habe.

Dass wir fassungslos waren, missverstand I. zunächst. Dafür aber umso gründlicher: Er dachte, wir fänden das Angebot ebenso skandalös wie er. Aber er ist eben kein Österreicher. Erst als ich ihn letzte Woche anrief und ihn fragte, ob er als Consulter in jene Eventagentur einsteigen wolle, die ich mit ein paar echten (nichtakademischen) Österreichern gerade gründen würde, ging ihm ein Licht auf – und er willigte ein. Unter einer Bedingung: Sollte irgendwann ein Adelstitel winken, wolle er auch zum Zug kommen. Um seine Oma zu beeindrucken.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

    Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/
    Panorama

  • Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
    echo-verlag

    Jetzt auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten der vergangenen drei Jahre - zum Wiederlesen & Weiterschenken.

    "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.