Kopf des Tages: Tabare Vazquez

24. Mai 2005, 11:28
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Ein "Schamane" ordiniert in Montevideo - Der Krebsarzt Tabaré Vázquez ist der erste linke Präsident von Uruguay

Dass er kein Berufspolitiker ist, mögen die Uruguayer an ihrem neuen Präsidenten Tabaré Vázquez. Und dass er den sozialen Aufstieg vom Arbeiterkind zum angesehenen Krebsarzt vorgelebt hat – eine Karriere, wie sie bis vor zehn Jahren in dem Land mit dem größten Mittelschichtanteil Lateinamerikas durchaus üblich war. In gleichem Maße jedoch, wie es im vergangenen Jahrzehnt am Rio de la Plata wirtschaftlich abwärts ging und die Mittelschicht aufgerieben wurde, hat der Sozialist Zulauf bekommen. Von knapp 20 Prozent Mitte der 80er-Jahre nach Ende der Diktatur bis zu knapp 51 Prozent heute steigerte sein Linksbündnis Frente Amplio (Breite Front) seinen Wähleranteil. In seinem dritten Anlauf siegte Vázquez und zieht als erster Sozialist in das Präsidialamt ein.

Es ist gewiss nicht sein Charisma, das dem 64-Jährigen nun zu diesem Triumph verholfen hat. Er ist ein eher hölzerner Redner, hat die Ausstrahlung eines Universitätsprofessors und scheut den Kontakt mit dem Volk und den Medien. Selbst auf seinen Wahlkampffotos wirkt Vázquez’ Lächeln verkrampft. Es hat vielmehr mit seiner väterlichen Ausstrahlung zu tun und damit, dass er als effizienter Rundum-Verwalter gilt.

Als Manager eines Amateurfußballklubs brachte er den winzigen Verein aus La Teja auf Vordermann und führte ihn zur uruguayischen Meisterschaft. Als erster linker Bürgermeister Montevideos (1989–1993) legte der vierfache Familienvater mit einer moderaten und effizienten Amtsführung die Basis für das weitere Wachstum des Linksbündnisses. Und durch seine ausgeglichene Art ist er eine Integrationsfigur des heterogenen Zusammenschlusses, der von Exguerilleros über Sozialdemokraten bis hin zu Christdemokraten reicht.

Seit zehn Jahren steht Vázquez dem Frente Amplio vor – der beliebteste Linkspolitiker ist er aber nicht: Unumstrittener Star des Frente ist der 70-jährige Exguerillero José „Pepe“ Mujica, der seine politischen Gegner „Blutsauger“ nennt, ihre mafiösen Geschäfte anprangert, in einem bescheidenen Häuschen lebt und mit der Vespa durch die Stadt rollt. Vázquez hingegen gilt als der „Staatsmann“ des Frente. Seine Mitarbeiter schätzen seine Fähigkeit, zu delegieren und sich mit anderen Meinungen inhaltlich auseinander zu setzen.

Mit der Linken sympathisierte er schon sehr jung: Als angehender Arzt versorgte Vázquez verwundete Guerilleros und schloss sich der Sozialistischen Partei an. Krebsspezialist wurde er nach einem persönlichen Schicksalsschlag. Innerhalb kürzester Zeit starben seine Eltern und eine Schwester an Krebs.

Auch als Präsident werde er in seiner Privatklinik weiter praktizieren, so Vázquez, der vom scheidenden Präsidenten Jorge Batlle den Spitznamen „Schamane“ bekommen hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2004)
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    Tabare Vazquez, Präsident

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