Krieg und Frieden auf der Scheibenwelt

30. Oktober 2004, 18:30
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"Weiberregiment": Terry Pratchetts Satire auf das Patriarchat ist nie pädagogisch und einfach schreiend witzig

Terry Pratchett gehört zu den wenigen Fantasy-Autoren, die mit einem gehörigen Schuss Humor ausgestattet sind. Das macht seine klugen Bücher, die sich vorzugsweise im Scheibenwelt-Universum tummeln, so unterhaltsam. Pratchett ist aber auch ein Alltagsphilosoph in dem Sinne, dass er unermüdlich und liebenswürdig Aufklärung betreibt. Über Vorurteile, eingefahrene Verhaltensweisen, Klischees, dumme Politik und absurde Religionen gießt er seinen subtilen Spott aus. Das geht besonders gut, wenn das Thema von vertauschten Geschlechterrollen handelt. Ein altehrwürdiges Motiv, gleich geeignet für Tragödien und Komödien. Pratchett entscheidet sich für Letztere.

Die Erde ist laut Terry Pratchett eine Scheibe. Auf ihr leben Zwerge, Vampire, Trolle, Untote, Werwölfe und Menschen - nicht immer in Frieden. Daher verkleidet sich die beherzte Wirtstochter Polly als Knabe und lässt sich anwerben, um den Bruder aus irgendeinem unsinnigen Krieg heimzuholen. Pollys kleines Heimatland versucht, sich gegen das übermächtige Ankh-Morpok durchzusetzen. Patriotismus ist Pflicht, ebenso Gottesfurcht. Was nicht ganz einfach ist, denn der monokratische Gott Nuggans erlässt andauernd absurde Vorschriften, die das tägliche Leben schwerst behindern. Und natürlich betreffen die rigorosesten Gebote die Frauen. Sich als Mann zu verkleiden gehört zu den ganz großen Abscheulichkeiten, und Polly hat auch lange geübt, um sich so dämlich aufzuführen wie ein Junge, damit niemand ihren sündigen Rollentausch aufdeckt.

Der kleine Haufen von Rekruten, bei dem sich allmählich herausstellt, dass er aus lauter verkleideten Frauen besteht, erlebt eine Menge Abenteuer, Entbehrungen und Kämpfe, bevor sie in die wehrhafte Burg eindringen können, wo die zu befreienden Männer einsitzen. Zwar hat sich das Weiberregiment heldenhaft geschlagen, aber leider haben sich die Frauen mit dieser Anmaßung höchst unmoralisch verhalten, und die militärischen Machthaber wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Die Welt bleibt heillos in Unordnung, die Frauen können nur versuchen, die allergröbsten Männerdummheiten zu verhindern und aus ihren Rollenvorschreibungen permanent auszubrechen.

Pratchett ist bei alledem nie pädagogisch, er ist einfach schreiend witzig. Sätze wie: "Die Gegenwart jener, die die Wahrheit suchen, ist unendlich viel besser als die derjenigen, die glauben, die Wahrheit gefunden zu haben", oder: "Eine Schlacht zu beenden ist viel schwerer, als sie zu beginnen", kann man allerdings gar nicht oft genug lesen. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2004)

Von
Ingeborg Sperl
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    Terry Pratchett:
    Weiberregiment
    Deutsch von Andreas Brandhorst. € 19,90/414 Seiten. Manhattan,
    München 2004

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