"Der Manchurian Kandidat": Als Charles Lindbergh Mister Hitler traf

26. März 2005, 22:34
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Aus Anlass der Präsidentschaftswahlen werden US-Intellektuelle mit düsteren Prophezeiungen vorstellig: "Der Manchurian Kandidat"

Autor Philip Roth und Filmemacher Jonathan Demme entwerfen Szenarios, die den Begriff "Faschismus" nicht länger aussparen.


Washington - "Furcht regiert diese Erinnerungen": Der erste Satz in The Plot Against America, dem neuen Roman von Philip Roth, wirkt wie eine Inschrift über die Amtszeit von George W. Bush. Seine Kampagne der Angst, seine kriegerische Politik beschäftigt das kulturelle Amerika in einer Weise, die zwischen intellektueller Mobilisierung und apokalyptischer Warnung alle Register zieht.

In der Literatur führt Roth das Feld mit einer kühnen historischen Fiktion aus den frühen 40ern an: The Plot Against America erzählt davon, dass 1940 nicht der Demokrat Franklin D. Roosevelt die Wahl gewinnt, sondern der antisemitische Isolationist Charles A. Lindbergh, der seine Popularität aus dem ersten Transatlantikflug und seine Ablehnung eines Engagements der USA im Krieg gegen Nazi-Deutschland in einen Erdrutschsieg ummünzt.

In den zwei Jahren einer turbulenten Innenpolitik, auf die ein jüdischer Junge namens Philip Roth zurückblickt, wird Amerika de facto ein faschistisches Land. Lindbergh wählt einen Demokraten als Vizepräsidenten und Henry Ford als Innenminister. Bei einem Gipfeltreffen zwischen Lindbergh und Hitler in Island wird die Aufteilung der Welt zwischen den USA und einem nach Osten expandierenden Großdeutschland besprochen. Die Invasion Lateinamerikas behält man sich vor.

1942 beginnen unter dem harmlosen Titel Homestead 42 die Umsiedlungen der jüdischen Bevölkerung in Amerika. Der Radiomoderator Walter Winchell, der als Einziger die Politik der Lindbergh-Regierung konsequent kritisiert, wird trotz hoher Einschaltquoten entlassen und ernennt sich daraufhin zum nächsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. Es ist eine verkehrte Welt - keineswegs direkt auf die Gegenwart übertragbar, und doch sind die Begriffe (immer wieder geht es um das "homeland") und Konstellationen deutlich mit Resonanz auf die Zeit seit 2001 gewählt.

Gespaltene Nation

Entscheidend aber ist, dass Roth einer gespaltenen Nation eine historische Option vor Augen führt, die selbst der radikalen Rechten unangenehm sein muss: den Faschismus. Der Roman erschien wenige Wochen vor der Wahl 2004.

Es schien, als hätte das liberale Lager nur darauf gewartet, dass jemand den Begriff in die Debatte wirft. Norman Mailer setzte in einem Beitrag für die New York Review of Books nach: "Die traurigste Aussage über die USA, während sie sich an den Faschismus heranschleichen (so weit kann es kommen, wenn eine größere Depression eintritt oder eine schmutzige Bombe explodiert), ist, dass wir Katastrophen erwarten. Wie können wir da nicht auf jemand setzen, der uns erzählt, dass wir gut und rein sind, und dass er uns Sicherheit bringen wird?".

Der Begriff Faschismus bleibt in diesen Szenarien inhaltlich allerdings noch weitgehend undefiniert. In dem Roman The Plot Against America wird die Konstante der US-Demokratie, der Vierjahresturnus der Wahlen, nicht ausgesetzt. Im Gegenteil gönnt sich Roth die Andeutung, dass Eleanor Roosevelt nach ihrem Mann selbst für das höchste Amt kandidieren könnte - ein spekulativer Vorgriff auf 2008, auf einen nicht völlig undenkbaren Wahlkampf zwischen George W. Bush, der sich als "Kriegspräsident" wie einst Roosevelt über die Beschränkung auf zwei Amtszeiten hinwegsetzen könnte, gegen Hillary Clinton.

Das Komplott gegen Amerika benötigt bei Roth seine Zeit: Erst nach einer dramatischen Zuspitzung kommt es zum Ausnahmezustand. Danach hat Roth einige Mühe, aus seiner Geschichte halbwegs plausibel wieder hinauszufinden. Das Buch wurde mit Blick auf eine Gegenwart geschrieben, die sich gerade entscheidet. Es ist ein Menetekel, in dem noch einmal deutlich wird, wie sehr sich die USA vom New Deal entfernt haben.

Aber Roth ist nicht allein im kulturellen Feld mit seinen Spekulationen über den längerfristigen Verlauf der US-Politik. Filmemacher Jonathan Demme entwirft in seinem Thriller Der Manchurian-Kandidat eine radikale Vision der näheren Zukunft: Soldaten aus dem Golfkrieg '91 werden darin einer Gehirnwäsche unterzogen, die sie zu willenlosen Handlangern in einem Staatsstreich werden lässt.

Klassiker-Remake

Der Manchurian-Kandidat ist das Remake eines Klassikers von John Frankenheimer (1962). Damals ging die Verschwörung von Moskau aus, und die liberale Energie der Kennedy-Jahre richtete sich gegen rechte Politiker im eigenen Land: In der Figur des demagogischen Senators James Iselin war deutlich Richard Nixon wiederzuerkennen, der nach seiner Wahlniederlage 1960 aus dem politische Rennen zu sein schien.

Der Konflikt der Hauptfigur erweist sich am Ende in erster Linie als ödipal. Es gibt auch eine heroische Lösung dafür. Ganz anders bei Jonathan Demme, der mit seinen Drehbuchautoren Daniel Pyne und Dean Georgaris das Psychodrama zum eigentlichen Ort des Machtkampfs macht.

Die Soldaten, die von Alpträumen geplagt werden, stehen einander nicht mehr gegenüber auf den beiden Seiten der Wahrheit, wie es im Original der Fall war. Sie sind nun beide Opfer eines größeren Zusammenhangs, den sie kaum durchschauen können: Der Kriegsheld Raymond Shaw (Liev Schreiber) wird von seiner ehrgeizigen Mutter (Meryl Streep) zur Kandidatur für die Vizepräsidentschaft genötigt, während sein früherer Kamerad Ben Marco (Denzel Washington) immer tiefer in eine Verschwörung von grandioser Weitläufigkeit hineintaumelt.

Das Ziel einer Gruppe von Männern im Hintergrund ist es, einen "Schläfer" im Weißen Haus zu haben - einen Präsidenten, der auf Knopfdruck gehorcht. Das entspricht nicht zufällig dem Bild, das seine Gegner von George W. Bush gezeichnet haben - ein "Commander in Chief", der sich von radikalen Beratern herumkommandieren lässt.

Demme insinuiert an keiner Stelle ausdrücklich, dass dies auf eine faschistische Staatsform hinauslaufen muss. Aber seine Darstellung der politischen Ordnung könnte pessimistischer nicht sein: Die Gewaltenteilung wird im Inneren suspendiert. Das Ziel ist ein unerklärter Ausnahmezustand. Der Manchurian-Kandidat und The Plot Against America, aber auch Nicholson Bakers Attentatsfantasie Checkpoint, sind Indizien dafür, dass die populäre Kultur nach Erzählformen dafür sucht, was die Politologen noch vorsichtig beschreiben: dass die Politik und das Recht nicht mehr im richtigen Verhältnis zueinander stehen.

Faschismus fungiert dabei als performativer Begriff, der gerade der Verhinderung eines Zustands dienen soll, der noch gar nicht richtig abzusehen ist. Aber das Wort ist nun einmal gefallen, und am Dienstag wird sich entscheiden, ob es sich dabei einfach um eine Parole zur Abwehr des Schlimmsten gehandelt hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.10./1.11.2004)

Von
Bert Rebhandl

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"Manchurian Candidate"
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    Im "Der Manchurian-Kandidat" wird die Regierungs-paranoia als Menetekel beschworen: Maryl Streep und Denzel Washington auf dem Regierungs-parkett.

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    Philip Roth erzählt die alternative Geschichte der USA.

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