
Wien – Gilles und Marion, verheiratet, ein Kind, lassen sich scheiden. Das Paar, das den Termin beim Scheidungsrichter relativ ungerührt zu absolvieren scheint, geht danach in ein Hotelzimmer. Der rituelle Vollzug eines "letzten Males" gerät zu einem körperlichen Niederringen, zu einer Vergewaltigung. Danach geht man wieder zur Tagesordnung über – zu reden macht schon lange keinen Sinn mehr.
Bereits die erste von fünf Episoden aus Francois Ozons neuem Film 5 x 2 – Cinq fois deux erzählt also eine kleine Geschichte vom Widerspruch zwischen den äußeren, staatlich beglaubigten Rahmenbedingungen, den zivilen Formen des Zusammenlebens und einer individuellen Befindlichkeit, die nicht in diesen Rahmen (und auch nicht zur Befindlichkeit des Partners) passt. Die Geschichte wird sich wiederholen.
Was man in der Folge sieht, ist allerdings keine Fortsetzung der Episode vom Anfang, sondern vielmehr das, was vorher geschah. Ozon erzählt in 5 x 2 also rückwärts, in fünf ruhig gehaltenen Abschnitten, die sich jeweils um eine konkrete Situation ergeben und immer klar verortet sind: Tendenziell werden dabei vor allem die Räume offener und heller – bis hin zum sonnendurchfluteten, italienischen Ferienclub, in dem die Beziehung von Marion und Gilles, verkörpert von Valéria Bruni- Tedeschi und Stéphane Freiss, einst begonnen hat beziehungsweise nun auf der Leinwand endet.
Die Perspektive auf das Geschehen ist von Anfang an vorgegeben: Sie werden sich getrennt haben. Der Film wird damit für sein Publikum auch zu einer Spurensuche – nach Belegen für das, was die Figuren verbindet oder trennen könnte. Aber Ozon vermeidet große dramatische Szenen. Den einen konkreten Moment, der einen Bruch im Beziehungsgefüge markieren würde, gibt es nicht. Statt dessen scheint der Riss, der zur finalen Trennung führt, viel grundsätzlicher, in den Charakteren angelegt – wiewohl 5 x 2 keine psychologischen Charakterstudien entwirft:
Außenwelten
Ozon, einer der erfolgreichsten und produktivsten zeitgenössischen französischen Filmregisseure, hat für Buch und Dialoge von 5 x 2 erneut die Autorin Emmanuèlesic! Bernheim zugezogen. Auch Bernheims Romane (Die Andere, Stallone, u.a.) sind minutiöse Beschreibungen von Beziehungen, die sich kaum je dem Innenleben der Figuren widmen und sich dafür ganz auf deren alltägliche Verrichtungen, auf Handlungsabläufe bis hin zu kleinen Gesten und auf die Konventionen eines bürgerliche Milieus konzentrieren.
Diesen Zugang, der auf die äußere Erscheinung setzt, in seine nüchternen Beobachtungen allmählich kleine Irritationen einarbeitet und daraus eigentümlich ambivalente Stimmungen generiert, kann man in Ozons Film wiederfinden: Wie in einer abgeschlossenen Kapsel sitzt Gilles in seinem Auto vor dem Krankenhaus, während seine Frau, die drinnen unter Komplikationen und zu früh den gemeinsamen Sohn geboren hat, vergeblich auf ihn wartet.
Die Panik, die ihn angesichts der Situation offensichtlich befallen hat, wird so nur angedeutet und nicht erklärt. Mit der Dauer des Films entsteht mittels Szenen wie dieser – in eigentümlichem Widerspruch zur Geschichte, die eine Annäherung behauptet – eine zunehmende Distanz zu den Figuren.
Es bleibt ein unerklärlicher Rest. Das Glück ist nicht zu fassen. Es findet, wenn überhaupt, nur einen fernen Anklang in den wiederkehrenden, italienischen Liebesliedern. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2004)
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