Ohne Zweifel groß

28. Oktober 2004, 17:30
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Johnny Borrell gilt derzeit als das schlimmste Großmaul der britischen Musikszene

Mit Razorlight deutet er auf dem Debüt "Up All Night" den arroganten New Yorker Straßenrock der 70er-Jahre neu


Johnny Borrell versuchte schon in jungen Tee- nager-Jahren, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Im Gegensatz zu historischen Vorbildern wie Junkie-Übervater Keith Richards startete er noch vor seiner Zeit als Rock'n'Roller und erster Bassist der Libertines (so wie auch sein damaliger Bandkollege Pete Doherty) eine "Karriere" als Heroinabhängiger. Blöd nur, dass Richards das aus dekadentem Übermut oder auch nur bloßem Überdruss machte, nachdem er mit Mick Jagger einige der besten Songs aller Zeiten eingespielt hatte und schon ein Star war. Richards lebte mit seiner Sucht auch relativ sicherer als kleine Junkies von der Straße. Immerhin konnte er sich das Teufelszeug nicht nur in höchster Qualität leisten - auch regelmäßige Blutwäschen in Schweizer Privatkliniken stellen in dieser Finanzklasse kein Problem dar. Wie man jetzt gerade bei besagtem Doherty oder auch frühzeitig dahingegangenen Leuten wie Sid Vicious von den Sex Pistols oder Johnny Thunders von den New York Dolls sehen kann, wäre auch für Johnny Borrell der Weg nach unten vorgezeichnet gewesen.

Allerdings zog sich das Bürschchen gerade noch rechtzeitig selbst aus dem Sumpf. Er verließ die Libertines, bevor diese die derzeit umstrittenste Band Großbritanniens wurden. Und er entdeckte nach seinem erhöhten Suchtpotenzial die Segnungen einer völlig überzogenen Selbsteinschätzung. Bevor noch ein Ton von seiner neuen Band Razorlight zu hören war, wurde man in der fellneristischen britischen Musikpresse Zeuge des größten Maulheldentums, seit die Gallagher-Brüder Noel und Liam von Oasis sich auf eine Stufe mit den Beatles stellten.

Borrell keifte über die geringen Talente der Kollegenschaft und verglich sich mit dem selbstverständlich minderbegabteren Bob Dylan oder Lou Reed. Eigentlich hätte sich Borrell jetzt wegen des Albumdebüts Up All Night eins auf die Mütze verdient. Immerhin wurden bis zur Veröffentlichung im Spätsommer in England (und jetzt endlich auch in Resteuropa) die Produzenten Steve Lillywhite und John Cornfield verbraucht und musste Schlagzeuger Christian Smith-Pancorvo wegen zerrütteter Nerven gegen Nachfolger Andy Burrows ausgetauscht werden. Borrell muss also ein ziemliches Herzchen sein . . .

Weil aber eben gerade auch besagter Lou Reed immer schon prototypisch vorgelebt hat, dass auch böse Menschen ihre guten Lieder haben, muss man die 13 Songs zum Besten zählen, was dieses Jahr zumindest aus England gekommen ist. Von allen Selbstzweifeln gänzlich unbelastet wird hier mit stürmisch quengelnden Gitarren und nasaler Gesangsstimme an einer zeitlosen Form von Rockmusik gearbeitet, die allerdings mehr auf New York als auf London verweist. Als Bezugssystem dienen deshalb auch mehr The Strokes als The Libertines, sprich: Razorlight arbeiten sich wie ihre jungen US-Kollegen an Vorbildern wie Lou Reed, Patti Smith oder Television ab, die in absolut jeder britischen Rezension wohl auch wegen des arroganten Gesangsstils und des coolen Gesamthabitus von Borrell und seinen Knechten angeführt werden.

Das ergibt in Summe lässig polternde Stücke zwischen schneidigem Sturm und Drang und einer gehörigen Portion hymnisch jubilierender Kaputtheit, der man vieles verzeihen muss. Bloß die Texte, nun ja: "Sometimes you fall into the arms of no-one at all." (RONDO/DER STANDARD, 29.10.2004)

Von
Christian Schachinger
  • Razorlight:Up All Night (Universal)
    foto: universal

    Razorlight:
    Up All Night (Universal)

  • Artikelbild
    foto: universal
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