Auf selber Wellenlänge

28. Oktober 2004, 19:55
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Der Wiener Sofa Surfer Wolfgang Schlögl veröffentlicht unter seinem nom de guerre I-Wolf sein zweites Soloalbum

Zwei Engelsstimmen und ein gebrochenes Herz. Unter diesen Voraussetzungen stellte sich Wolfgang Schlögl 2003 einem persönlichen Exorzismus, der in dem Album I-Wolf Presents: Soul Strata mündete - einem Konzeptalbum zum Thema Beziehungen auf Distanz - und warum solche mit einem Ablaufdatum versehen sind. Entsprechend der existenziellen Aufgabenstellung fiel das Ergebnis aus: Grooves von der dunklen Seite des Mondes, stellenweise verletzlich und introvertiert anmutend, wechselten sich mit Kraftschüben ab, die sich als drückende Rhythmen zu erkennen gaben. Jene Anstrengungen, die notwendig sind, um derlei Situationen zu überwinden. Was fürchterlich hätte scheitern können - wen kümmert schon öffentlich ausgetragenes Seelenleid, wenn es nicht mindestens von Al Green stammt? -, geriet zu einem kleinen Meisterwerk: Die Stimmen von Ken Cesar und Damon Aaron transportierten kongenial I-Wolfs Gefühlswallungen und erhoben Soul Strata tatsächlich in den Rang eines zeitgenössischen Soul-Albums. Obwohl er, wie Schlögl damals im STANDARD-Interview zugab, Soul lediglich als Reizwort verwendet hatte. So kann's gehen.

In Folge wurde Schlögl für Soul Strata mit dem heimischen Musikpreis Amadeus bedacht, und sogar die Hochkultur in Form der Wiener Festwochen verpflichtete ihn für Remixe des Komponisten Iannis Xenakis. Dazu kamen Arbeiten für Theater und Film wie der Soundtrack zur Wolf-Haas-Verfilmung Silentium, den er, wie schon den Score zu Komm süßer Tod, mit seiner Stammband, den Sofa Surfers, produziert hat. Dass der 32-Jährige nun auch das Comeback des Austro-Pop-Veteranen Hansi Lang produziert, ruft natürlich die Skeptiker auf den Plan. Aber es spricht für Schlögls Offenheit, derlei Dinge nicht kategorisch abzulehnen, sondern einmal abzuwägen, ob und was er dafür tun kann - und dann erst Ja oder Nein zu sagen.

Diese Haltung trägt nun auch das Thema des Folgewerks: I-Wolf & Burdy Meet The Babylonians. Für Schlögl und Burdy, einen britischen Freund und Produzenten Schlögls, sind Babylonians "Leute mit der gleichen Wellenlänge, die, egal wo auf dieser Welt, ähnliche Leben führen wie man selbst". Fast 20 dieser "sisters and brothers in mind" tummeln sich auf dem Album, das Schlögl am liebsten als eine Art "Mixtape" verstanden hätte. Eine Ansammlung einzelner Lieblingsstücke, die in einer stimmigen Chronologie aneinander gereiht werden. Entstanden ist so ein in sich eigentlich heillos zerfranstes Teil, das sich jedoch mit Fortdauer des Albums als großes Ganzes entpuppt. Trotz Kollisionen von Sprachen und Stilen, die von Zigeunermusik, einer irgendwo auftauchenden Blaskapelle bis zu hektischem Ragga reichen. Dazu kommen prominente Gäste wie Shaun Ryder. Ryder war Sänger der dahingegangenen Rave-Helden Happy Mondays, der später mit Black Grape beschaffungskriminell Musik machte und solo das Album Amateur Night In The Big Top produzierte. Ein Werk, das eine ähnliche Ästhetik entwarf wie nun I-Wolf.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ryder? Schlögl: "Es war purer Zufall. Burdy ist vor über einem Jahr von England nach Australien ins sonnige Perth übersiedelt. In seiner Nachbarschaft hat Shaun Ryder einen Cousin besucht, um wieder einmal einen Drogenentzug zu machen. Burdy hat ihn gebeten, etwas für uns zu singen. Ryder war aber den Umständen entsprechend grantig und hat seinen Text abgeändert. Von wegen: Alle wollen nur sein Geld, dabei hätte er gar nie welches bekommen und so weiter. Das hat letztlich ganz gut zum Rest des Albums gepasst."

Dieser Rest steht im Zeichen eines im Verlauf der CD immer eindeutiger werdenden Funks. Stücke wie A Modern Life verbinden Dancefloor mit Botschaften - in dem Fall ein Text über sexuelle Ausbeutung von Frauen - , die über weltverbesserische Plattitüden und den lehrerhaft erhobenen Zeigefinger hinausgehen. Kingdom Price, vielleicht einer der Hits des Albums, verarbeitet auf seine Weise die hypnotische Rhythmusarbeit der deutschen Krautrock-Innovatoren Can zur Zeit ihres Albums Ege Bamyasi aus den frühen 70er-Jahren. Eine Arbeit, die auch die US-Retro-Rocker von Secret Machines kennen dürften.

Jedenfalls beweist Wolfgang Schlögl damit eindrucksvoll, dass Soul Strata nicht bloß ein Glückstreffer war. Vielleicht benötigt Meet The Baylonians - trotz seiner höheren Poppigkeit - länger Zeit um sich zu öffnen als Soul Strata. Wenn es dann aber so weit ist - Zack! - ist man auch schon süchtig danach. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2004)

I-Wolf & Burdy Meet The Babylonians (Klein Records/Soul Seduction)
I-Wolf live: 2. November, Fluc Mensa, 1020 Wien, Praterstern. 21.00 Uhr
  • Artikelbild
    foto: klein records/constantin falk
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