Durch die schwarze Brille

28. Oktober 2004, 17:00
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Die depressive schwedische Pop-Eigenbrötlerin Stina Nordenstam entdeckt auf ihrem Album "The World Is Saved" endlich die Lebensfreude...

..."Ich will dich bluten sehen!"


Die schwedische Eigenbrötlerin Stina Nordenstam machte 1998 vor allem mit ihrem bizarren Coverversionen-Album People Are Strange auf sich aufmerksam. Darauf waren nicht nur bis zum Gefrierpunkt gekühlte Klassiker des Songwriting alter Schule aus der Feder von Leonard Cohen wie I Came So Far for Beauty, Love Hurts oder Purple Rain von Prince oder eben das Titelstück von Jim Morrison und den Doors zu hören. Vor allem mit ihrer Version der von Rod Stewart berüchtigten Schmonzette Sailing unter Einbeziehung von Einfingerklavier, Frostschock-Streicherensemble und der weitgehenden Eliminierung von jedweder Emotion in der bloß noch gehauchten, tonlosen Kleinmädchen-Gesangsstimme schaffte es die schwedische Künstlerin, Gänsehaut in abgewohnten emotionalen Fluchtdestinationen zu erzielen. Untote Zombiemusik für Menschen, denen Gefühle zutiefst verdächtig erscheinen.

Auch jetzt auf dem neuen Album The World Is Saved hat sich bezüglich der Ausgangspunkte für ihr Schaffen trotz eigenem Songmaterial nur wenig verändert. Nordenstam kombiniert wie eh und je kühl und scheinbar unbeteiligt an der Sache agierende Streicherensembles mit knorriger Bassgitarre. Sie lässt das dezent auftretende Besenschlagzeug weitgehend ebenso außen vor wie hier nur äußerst zweckdienlich den Rhythmus unterstützende Gitarren. Das Betriebstempo und die Arbeitsverhältnisse bei zumindest annähernder Zimmertemperatur haben sich allerdings hör- und fühlbar erhöht. Zudem kommt eine wem oder was auch immer verdankte Hebung der Stimmung. Allein der Eröffnungssong Get On With Your Life oder Winter Killing und das Titelstück selbst schlagen abgesehen von aller nach wie vor verbreiteten zynischen Galligkeit versöhnlichere Töne als früher an.

Als historische Referenzgrößen können allerdings auch weiterhin Frauen wie die störrische Verweigerungssängerin Rickie Lee Jones oder auch ihre jüngere Nachfolgerin Lisa Germano angesehen werden. Beides Frauen, die wie auch Nordenstam selbst selten den direkten Weg ins Herz des Hörers wählen. Alle drei arbeiten lieber ohne größeres Aufsehen an der Peripherie der Eingängigkeit, an den Bruchstellen von gängigen Popsongs.

Dort draußen, wo genähte oder geschweißte Verbindungen der Erosion der Zeitläufte ausgesetzt sind, ohne sich an diese anzubiedern, findet sich die unbehauste Stina Nordenstam selbst am liebsten. Immer wieder. Trotzdem sie oft in den verhallten Melodien der Lieder verloren zu gehen scheint, besteht hier im Grenzland zwischen verkopfter Avantgarde, krankem Barjazz und über Spurenelemente von im Rock geerdeter Konvention die größte Chance, die Sängerin ganz bei sich zu erleben. Eine Risikobeziehung zum Leben besteht zwar noch immer, aber immerhin. Im Titelsong The World Is Saved heißt es: "I clashed with silence, I stumbled and fell. I blinked again, sure this wasn't hell?!"

Richtig hart kommt allerdings der vordergründig versöhnlichste Song des Albums mit seinem vom molligen Bläsersatz getragenen Grundton über dem geneigten Hörer nieder. Die einsame Urlaubspostkarte From Cayman Islands With Love generiert einen bitteren Wunsch: "I want to see you, I want to see you bleed. I can't believe I payed for this, there's nothing here I need!" (RONDO/DER STANDARD, 29.10.2004)

Von
Christian Schachinger

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Stina Nordenstam
  • Stina Nordenstam:The World Is Saved (Edel)
    cover: edel

    Stina Nordenstam:
    The World Is Saved (Edel)

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