Glück durch Theater

26. Juli 2005, 10:14
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Die Techniken der Schönheit im Wandel des Geschmacks: Mode und Kosmetik werden ersetzt durch die bittere Wahrheit der Chirurgie

Was bestimmte Objekte für uns schön macht, ist der Umstand, dass wir uns in dieser Empfindung mit anderen Leuten einig fühlen. Der Geschmack ist immer der Geschmack der anderen. Der Titel des Films "Le goût des autres" von Agnès Jaoui (1999) hat das klug in Betracht gezogen. Jedes Kunst-oder Designobjekt beispielsweise, mit dem wir uns umgeben, ist nicht nur ein Objekt unserer vermeintlich privaten ästhetischen Empfindung, sondern enthält immer eine Botschaft an andere.

Die Erfahrung von Schönheit ist ein zutiefst sozialer Vorgang. Der Philosoph Gianni Vattimo hat dies in Bezug auf Kants Analyse des Wohlgefallens am Schönen hervorgehoben. Dort wird, so Vattimo, "der ästhetische Genuss weniger als derjenige definiert, den das Subjekt gegenüber dem Objekt empfindet, sondern als einer, der bei der Feststellung der eigenen Gruppenzugehörigkeit entsteht - bei Kant die Menschheit schlechthin als Ideal . . ."

Wie sehr die soziale Dimension in der Empfindung der Schönheit dominiert, um wie viel also das Urteil der anderen wichtiger ist als die Eigenschaften des Objekts, lässt sich am Beispiel der Fotomodelle erkennen: Fotomodelle gelten als Inbegriffe von Schönheit, und ihre Gesellschaft bringt Bewunderung ein, obwohl sie offenbar niemandem wirklich gefallen. Schon ein flüchtiger Blick in die Welt der Pornografie zum Beispiel kann darüber belehren, dass neben den öffentlich deklarierten, anorektischen noch ganz andere, weitaus robustere Standards für die Schönheit menschlicher Körperformen existieren, die offenbar in einem privateren (wenn auch selbst wiederum nicht von jeglicher Geselligkeit isolierten) Kontext goutiert werden.

Nicht nur die Erfahrung der Schönheit aber ist sozial und folglich geschichtlichen Veränderungen unterworfen, sondern auch das Bewusstsein davon. Wenn man sich in den 60er-Jahren etwa Möbel oder ein Auto kaufte, so konnte man fast nichts Hässliches erwerben. Heute hingegen muss man sich aufwändig informieren und ein Produkt eines Stardesigners anschaffen, um etwas halbwegs Brauchbares zu bekommen. Offensichtlich wollten die Gestalter früher etwas Allgemeines erreichen, weil ihnen die Allgemeinheit der ästhetischen Erfahrung bewusst war, während heute alle etwas Besonderes kreieren möchten und eben dadurch in Absonderlichkeiten landen. Solange aber die Erfahrung der Schönheit als allgemeine, gesellschaftliche begriffen wird, wird sie auch als öffentliche Darbietung, als Theater, betrieben.

Der Soziologe Richard Sennett hat in seiner Studie "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" auf diese theatralische Kultur des öffentlichen Auftretens hingewiesen, die in Europa seit der Renaissance entstanden war. Sie äußerte sich in den Maskeraden der Kleidung und Kosmetik sowie der Höflichkeit. Dagegen steht, wie Sennett feststellt, etwa seit 1968 die Tendenz, dass Leute immer weniger imstande sind, Dinge zu akzeptieren, die sie nicht als ihre eigenen erfahren können.

Authentizität ist gefragt und versucht sich in Körpermarkierungen, Identitätspolitik, rohen Umgangsformen und markenfetischistischer Freizeitkleidung zum Ausdruck zu bringen. Kultivierte Formen öffentlichen Auftretens hingegen werden als Heteronomie und Entfremdung geächtet. Dass diese Formen aber, wie der Philosoph Alain erkannte, Glückstechniken sind, wird ignoriert.

Immer mehr Leute hoffen, durch Operation zu einer Schönheit zu gelangen

Was die Schönheit betrifft, hat das zur Folge, dass die theatralischen Verstellungen der Höflichkeit, Kosmetik und Mode ersetzt werden durch die bittere Wahrheit der Chirurgie. Immer mehr Leute hoffen, durch Operation zu einer Schönheit zu gelangen, die dann ganz ihre eigene wäre. Bezeichnenderweise scheint dieses Verfahren aber nie zur Zufriedenheit zu führen, sondern immer neue Eingriffe notwendig zu machen. Die Arbeit am Eigenen kann nur Mängel beheben und macht dabei immer neue sichtbar. Das öffentliche Theater der Schönheit hingegen konnte wesentlich mehr: Gestützt auf die Einbildung der anderen konnten Angehörige dieser formverliebten Kultur sich in bestimmten Momenten göttlich fühlen. (Der Standard/Robert Pfaller/rondo/29/10/2004)

Robert Pfaller ist Philosoph und lehrt an der Kunstuniversität Linz sowie an der TU Wien. Zuletzt erschien von ihm "Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur", Suhrkamp Verlag.
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