Zerplatzte Träume, verkorkste Debatte

19. Februar 2005, 14:56
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Der "Publizistik-Skandal" an der Uni Wien offenbart die Schwächen des offenen Hochschulzugangs - Von Hans Pechar

Anmerkungen zu Karl H. Grubers "goldenen Worten" über die Irrwege der Unireform.

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In seinem Kommentar vom 20. 10. hat Karl Heinz Gruber an dieser Stelle Bedingungen genannt, die erfüllt sein müssten, um chaotische Zustände a la Wiener Publizistik zu vermeiden: "Jedem Institut erwächst dann, wenn durch den verstärkten Zustrom von Studierenden sein spezifischer Kapazitäts-Kennwert überschritten wird, aufgrund des parlamentarischen Bekenntnisses zum freien Hochschulzugang automatisch ein Anspruch auf zusätzliches Personal und zusätzliche Ressourcen."

Goldene Worte, aber man sollte hinzufügen: diese Überlegungen haben einen rein hypothetischen Status – so sind sie vermutlich auch gemeint. Sie skizzieren ein Gedankenexperiment, an dessen Ende man erkennen kann, warum der offene Hochschulzugang notwendig mit Chaos einhergeht. Kein Finanzminister – egal welcher Couleur – würde diese Bedingungen erfüllen. Und mit gutem Grund, denn sie kämen einer fiskalpolitischen Selbstaufgabe gleich.

Universitäten sind Schlüsselinstitutionen der Wissensgesellschaft und benötigen eine ausreichende Finanzierung. Aber sie sind nicht der Nabel der Welt, dem alle anderen Bereiche nachgeordnet sind. Auch die Hochschulausgaben müssen mit den Erfordernissen anderer staatlicher Aufgaben ausbalanciert werden, daher ist ein nach oben offenes Budget (darauf läuft ein Automatismus nämlich hinaus) eine unerfüllbare Wunschfantasie. Das hat es auch während der Hochblüte des Austro-Keynesianismus nicht gegeben. Es unter den Bedingungen der Maastricht- Kriterien auch nur in Erwägung zu ziehen, grenzt an Realitätsverlust.

Laisser-faire-System

Bei freiem Hochschulzugang kann es nur eine "lose Kopplung" von Studentenzahlen und Ressourcen geben. Dass irgendein Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen besteht, bestreitet ja kein Mensch, nur allzu genau will es die Politik damit nicht nehmen. Sie will es nicht einmal allzu genau wissen, und daher fehlen auch die fachspezifischen Kapazitätskennwerte, die Professor Gruber zu Recht als Grundbedingung von Leistungsvereinbarungen einfordert. Der offene Hochschulzugang beruht auf einem impliziten Kontrakt aller Akteure (Studenten, Hochschullehrer, Politik), der – um den Preis einer stark reduzierten Sicherheit – jeder Seite Freiheiten einräumt, wie sie kaum ein anderes Hochschulsystem kennt. Die Studenten können an jeder Uni jedes Fach studieren und müssen belegte Lehrveranstaltungen nicht mit einer Prüfung abschließen. Das akademische Personal erfreut sich großer Freiheiten bei der Interpretation seiner Verpflichtung gegenüber den Studierenden. Es sind wohl mehr als vereinzelte "schwarzen Schafe", die es damit nicht so genau nehmen.

In diesem Laisser-faire-System kann es keine budgetwirksamen Kapazitäts-Kennwerte geben, daher hat die Politik ungeheure Freiheiten bei der Interpretation des universitären Finanzbedarfs. Der offene Hochschulzugang basiert auf der Annahme, dass die Gewinne dieser Freiheiten größer sind als die Belastungen durch das daraus resultierende Chaos. Aber diese Annahme – wenn sie je richtig war – wird immer fragwürdiger.

Merkwürdiger Protest

Wäre der Eklat bei den Publizisten nicht ein Anlass zu einer ehrlichen Kosten/Nutzen-Abwägung? Warum sollte man nicht auch an den Universitäten eine transparente Steuerung des Zugangs in Form einer Studienplatzfinanzierung vornehmen? Dieses System kann man an den öffentlichen Universitäten der englischsprachigen Welt, aber auch an den österreichischen Fachhochschulen studieren. Es bedeutet unter anderem, dass die Politik fachspezifische Ausbildungskapazitäten ausverhandelt und in letzter Instanz festlegt.

Was daran anstößig sein soll, ist schleierhaft. Merkwürdigerweise protestieren dagegen vor allem jene Gruppen, die am lautesten die hochschulpolitische Verantwortung des Staates einklagen. Öffentliche Güter zeichnen sich aber dadurch aus, dass Quantität und Art des Angebots im wesentlichen politisch definiert werden. Die Alternative dazu wäre ein Marktsystem, das stärker auf die Nachfrage der Bildungskonsumenten reagiert als auf staatliche Zielwerte. In einem öffentlichen System ist es legitim, dass die Bildungsministerin entscheidet, wie viele Studienplätze sie etwa im Bereich der Publizistik finanziert.

Nicht das ist problematisch, sondern der Umstand, dass sie die Studienkapazitäten auch im derzeitigen System steuert (indem sie bestimmte Bereiche schlechter ausstattet als andere), es aber nicht transparent macht (was einige Massenfächer in eine fast ausweglose Situation getrieben hat).

Öffentliche Güter verlangen nach öffentlichen Entscheidungen, wer sonst als die Politik soll diese treffen? Aber auf eine transparente Weise, die es erlaubt, die Politik auch unter Rechtfertigungsdruck zu setzen. Der freie Hochschulzugang ist die systematische Flucht aus dieser Verantwortung.

Selbstkritische Pointe

Vermutlich hält die Politik gerade wegen seiner Intransparenz an diesem System fest. Die daraus resultierende Beliebigkeit der hochschulpolitischen Debatte ist ein Geschenk des Himmels für die Regierung. Jeder kann alles behaupten und zugleich das Gegenteil. Wenn es keine nachvollziehbaren Kriterien zur Überprüfung dieser Aussagen gibt, ermöglicht der Schwall aus Rede und Gegenrede keine Orientierung. Daher behindert der offene Hochschulzugang eine Steigerung der Studenten- und Absolventenquote mehr, als er diesem Ziel nützt. Eine transparente Studienplatzfinanzierung schafft bessere Voraussetzungen, um den Forderungen nach adäquater Finanzierung politischen Nachdruck zu verleihen.

Die Verfechter des offenen Hochschulzugangs glauben, der ständige Hinweis auf nicht eingelöste Versprechen könnte so viel politischen Druck erzeugen, dass der Staat die Universitäten schließlich doch in Abhängigkeit von der Studiennachfrage finanziert. Sie sollten die Plausibilität dieser Annahme im Lichte der jüngsten Ereignisse überprüfen. Der ÖH-Slogan "Zerplatzte Träume" würde dann eine selbstkritische Pointe erhalten. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.10.2004)

Der Autor lehrt am Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien (IFF) und ist Mitherausgeber des Buches "Hochschulen auf dem Prüfstand" (Studien-Verlag).
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