Der Schrecken des Eises in der Rauhensteingasse

9. März 2005, 16:46
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Eine Buchhändlerin, wie sie Christoph Ransmayr beschreibt, wohnte dort nie - Roman David-Freihsl fand dennoch eine

Eine Buchhändlerin, wie sie Christoph Ransmayr in "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" beschreibt, wohnte nie in der Rauhensteingasse. Roman David-Freihsl fand dort dennoch eine, die mit Büchern handelt. Das Eismeer interessiert sie nur in der Literatur.

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Wien - Die Rauhensteingasse sei eine rein fiktive Adresse, erfahren wir von Christoph Ransmayr, der kürzlich erst von einer Eismeerfahrt heimgekehrt ist. Es fand also nie statt, was vom Erzähler im Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" beschrieben wird. Und wenn, dann ereignete es sich zumindest nicht in der Wiener Rauhensteingasse.

"Ich habe Josef Mazzini in der Wohnung der Buchhändlerin Anna Koreth kennen gelernt", steht hier. Jener Josef Mazzini, also, der dann ins Eismeer aufbrach; dorthin, wohin auch die "Admiral Tegethoff" fuhr, das Schiff der "k. u. k. österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition". Diese Spuren verfolgte Mazzini, er folgte dem Weg, den die damaligen Expeditionsleiter Julius Payer und Carl Weyprecht eingeschlagen hatten. Jener Mazzini also tritt im Roman erstmals bei Anna Koreth auf. "In ihrer dunklen, weitläufigen Wohnung an der Wiener Rauhensteingasse gab die Buchhändlerin gelegentlich Abendessen für die bessere Kundschaft."

Auch die Freimaurer führen eine BuchhandlungP> Vielleicht war es ja der Klang dieser Gasse, der Ransmayr inspiriert hat. So, wie auch andere geradezu begeistert von der Dorotheergasse hierher übersiedelten, um ihre abendlichen Gesellschaften abzuhalten. Jetzt prangt denn auch ein rauher Stein über einer Tür in dieser Gasse, noch dazu unter einer heiligen Zahl. Für die Freimaurer ist diese Symbolik eine besondere - der rauhe Stein, den es zu bearbeiten, zu veredeln gilt. Auch die Freimaurer führen eine Buchhandlung, hier in der Gasse. Jene "zum rauhen Stein".

Nur wohnt sie hier nicht - sie arbeitet hier

Bei Ransmayr hingegen ist es kein Männerbund, sondern eine Frau, die abendliche Gesellschaften gibt. Eine Buchhändlerin. Und eine solche finden wir tatsächlich in der Rauhensteingasse. Nur wohnt sie hier nicht - sie arbeitet hier. "Ewig schon", wie uns Franziska Schweizer in der Buchhandlung der Spielzeugschachtel versichert. "Seit 15 Jahren." Expeditionen würden auch sie begeistern, versichert uns Schweizer. "Im Buch. Selbst muss ich nicht dabei sein." So, wie sie auch "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" gelesen habe, vor längerer Zeit schon. Bücher oder die kleinen Eisbärkuscheltiere und Spielzeugschiffe, die hier angeboten werden.

Das ist alles, was die Buchhändlerin als Zitat vom Eismeer braucht. Sie selbst ziehe es eher "in Gegenden, wo es warm ist, wo auch andere Menschen sind".

"Weil wir kein Meer haben."

Wieder draußen, in der Rauhensteingasse, spricht uns eine Gruppe junger Tschechen an. Wir stehen an jener Stelle, an der sich einst Mozarts Sterbehaus befand. Auf der Suche sind sie. Aber nicht nach historischen Orten, nach Musikstücken oder Opern, mit denen Mozart in Prag wohl seine schönsten Erfolge feiern durfte. "Where is a sport shop?" ist, was diese jungen Tschechen interessiert.

Zum Abschied grüßen sie uns mit dem tschechischen "Ahoj". Auf die Frage, warum Tschechen eigentlich mit "Ahoj" grüßen, antwortete einer einmal: "Weil wir kein Meer haben." Und schon gar kein Eismeer haben sie, die Tschechen. Vielleicht aber grüßen sie deshalb so, weil ein Teil der Besatzung der k. u. k. Eismeerexpedition aus Böhmen stammte, wie wir bei Ransmayr nachlesen können. Wie etwa der Schiffsleutnant Gustav Brosch, der kam aus Komotau. Oder eben Julius Payer, der war in Teplitz geboren worden. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 27.10.2004)

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    Eis(teddy)bären in der Buchhandlung sind die einzigen Spuren des kalten Nordmeers in der Rauhensteingasse

  • Eis(teddy)bären in der Buchhandlung – im Hintergrund Buchhändlerin Franziska Schweizer – sind die einzigen Spuren des kalten Nordmeers in der Rauhensteingasse.
    foto: christian fischer

    Eis(teddy)bären in der Buchhandlung – im Hintergrund Buchhändlerin Franziska Schweizer – sind die einzigen Spuren des kalten Nordmeers in der Rauhensteingasse.

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