Ian McEwan: "Der Zementgarten"

22. Oktober 2004, 20:33
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Eine sinnliche Parabel auf die gegenseitige Abhängigkeit von Kultur und Natur, Lust und Form, Ordnung und Anarchie

Klein und flüchtig ist der Trost, der sich im Satz von der schönen Kindheit verbirgt. Nur im Rückblick lassen sich die Wunden und Ängste verklären, getreu dem Motto: Es sei wie es wolle, es war doch so schön. Wenn auch nicht jede Jugend wie im Falle Jacks und Julies die Geschichte einer Verwilderung ist, die mit dem Tod der Eltern beginnt und in das regellose, selbstzerstörerische Regiment der Heranwachsenden mündet, so verkörpert dieses Geschwisterpaar doch ungeschönt wie kaum jemand sonst die Wahrheit, dass jedem Aufbruch ein Abbruch, jedem Sieg ein Untergang, jeder Freiheit eine neue Knebelung innewohnt.

Der 15-jährige Jack, der Icherzähler in McEwans Debütroman von 1978, nennt den Tod des Vaters eine "kleine Geschichte". Niemand vermisst den Choleriker. Er hinterlässt neben den vier Kindern Julie, Jack, Sue und Tom eine kränkelnde Ehefrau und vor allem den Garten, seinen Garten, das Werk einer sterilen Ordnungsliebe. Seine letzte Tat ist die symbolische Selbstzerstörung, eine "faszinierende Schandtat". Der Vater will den Garten mit einer Zementschicht bedecken: "Es sieht dann ordentlicher aus." Nach wenigen Handgriffen trifft ihn der Schlag. Die Sanitäter, die ihn abholen, sind für lange Zeit die letzten Besucher in dem einsamen Haus. Als die Mutter stirbt, beschließen Julie und Jack, sie im Keller zu vergraben - den Zement können sie gut gebrauchen. Die letzten Worte der Mutter lauten: "Das Haus muss ordentlich geführt werden."

Wie aber soll man Ordnung wahren, wenn man heranreift und sich selbst in der allergrößten inneren Unordnung befindet? Keine Grenze gibt es zwischen Ich und Welt, beides hält das Chaos zusammen. Nur in Jacks Sciencefiction-Lektüre ist alles am richtigen Ort.

Julie hat kein Interesse an Jacks Lieblingsbuch. Jack sieht ihre hellbraunen Finger, ihre schlanken Beine, denkt an das strahlend weiße Höschen, das beim Handstand aufblitzte. "Du siehst schön aus ohne Kleider", wird Julie später zu Jack sagen, "rosa und weiß wie eine Eisportion", und Julie wird aussprechen, was Jack unruhig schlafen lässt, "vielleicht hätten wir es lassen sollen". Damit meint sie wohl das Zementgrab im Keller, nicht die Nacht neben Jack im Gitterbett aus Kindheitstagen. Das hermetische Binnensystem, das die beiden sich schufen, verträgt weder Moral noch Unmoral, geschweige denn Erinnerung.

"Ich konnte nicht mehr herausfinden, ob wir etwas Gewöhnliches getan hatten, etwas Verständliches, auch wenn es ein Fehler war, oder etwas so Sonderbares, dass es bei seiner Entdeckung zur Schlagzeile im ganzen Land würde." Ein Haus, dessen Vergangenheit im Keller ruht, Risse bekommt und fault, ein Garten aus Stein und Zement, den das Unkraut überwuchert: McEwans Roman ist eine unbarmherzig genaue, faszinierend sinnliche Parabel auf die gegenseitige Abhängigkeit von Kultur und Natur, Lust und Form, Ordnung und Anarchie. Das Paradies ist immer das Gegenteil.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17.10.2004)

Von Alexander Kissler
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    foto: sz bibliothek
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