Tönend bewegte Formen

29. Oktober 2004, 14:53
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Zum hundertsten Todestag Eduard Hanslicks, einer der bedeutendsten österreichischen Musiktheoretiker

Im Herbst 1854, als sein Ästhetikklassiker Vom Musikalisch-Schönen erscheint, steigt Eduard Hanslick fast über Nacht zu einem der wichtigsten Musiktheoretiker Österreichs auf. Die mit polemischen Spitzen garnierte Untersuchung ist ein durchschlagender Erfolg, nach kaum mehr als drei Jahren wird eine Neuauflage notwendig, acht weitere folgen zu Hanslicks Lebzeiten.

In einem vom Wissenschaftsministerium unterstützten Symposion des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Wien und der Österreichischen Gesellschaft für Musik aus Anlass des hundertsten Todestages Hanslicks wurde auch sein durchschlagendes musiktheoretisches Hauptwerk, das vor 150 Jahren erschienen war, diskutiert.

Dieses Buch des noch nicht 30-jährigen Juristen wird zur wirkmächtigsten musikästhetischen Abhandlung des neunzehnten Jahrhunderts - und auch zur umstrittensten. Denn Hanslicks Kampf gegen die "verrottete Gefühlsästhetik", sein Spott über die "halbwach in ihr Fauteuil geschmiegten Enthusiasten" und deren "Gefühlsschwelgerei" muss eine große Zahl an Musikfreunden, die einer mehr romantisch-verinnerlichten Musikauffassung anhängen, empfindlich vor den Kopf stoßen. Dazu kommt seine Auseinandersetzung mit Richard Wagner, die einen breiten Leserkreis und energische Reaktionen garantiert.

Wütende Repliken von Wagnerianern

Hanslicks Ästhetikschrift wird von den Wagnerianern - der "Partei" - sofort als Kampfschrift gegen ihre musikästhetischen Positionen aufgefasst; wütende Repliken sind die Folge. Hanslick wiederum kann mit einer vorderhand gegen den musikalischen "Fortschritt" und den "Revolutionskomponisten" Wagner gerichteten Schrift im restaurativen Wien mit breiter Zustimmung rechnen und eine starke Gegenpartei auf die Beine stellen. Als musikalischen "Gegenpapst" erwählte man sich Johannes Brahms. Der Bayreuther Meister selbst revanchiert sich auf seine Weise, indem er Hanslick zum Vorbild seines Beckmessers wählt - in früheren Prosaentwürfen trägt der kleingeistige, musikalische Prinzipienreiter den Namen "Hanslich" beziehungsweise "Veit Hanslich".

Hanslicks Wendung gegen Wagner kam überraschend - noch 1846 hatte der junge Kritiker den "Tannhäuser" enthusiastisch begrüßt. Was genau zu seinem Gesinnungswandel führte, weiß die Musikwissenschaft heute nicht. Sicher scheint, dass die gescheiterte Revolution, in der Hanslick eine wenn auch unbedeutende Rolle spielt, seinen Abschied von der Forschrittsfraktion erheblich beschleunigt hat. Vom Musikalisch-Schönen jedenfalls konnte nicht zuletzt auch wegen seiner betont apolitischen Ausrichtung mit dem Wohlwollen der staatlichen Autoritäten rechnen: Zwei Jahre nach seinem Erscheinen wird das Buch als Habilitationsschrift anerkannt.

Im Bildungsministerium setzte man damals ganz auf den Herbartianismus, eine gegen den deutschen Idealismus gerichtete philosophische Auffassungsschule, und Hanslick war geschickt genug, sich zu Herbart zu bekennen. Herbarts Philosophie war quietistisch, und wohl nicht zufällig ließ sich Hanslicks Idee einer autonomen musikästhetischen Methode auch im Sinn des politischen Quietismus interpretieren - führte sie doch eine Auffassung im Gefolge, wonach der Ästhetiker sich sozial-politischer Reflexionen tunlichst zu enthalten habe: "Die ästhetische Untersuchung weiß nichts und darf nichts wissen von den persönlichen Verhältnissen und der geschichtlichen Umgebung des Componisten, nur was das Kunstwerk selbst ausspricht, wird sie hören und glauben."

Eintrittskarte in die wissenschaftliche Welt

Diese streng werkimmanente Ästhetik hält sowohl Hegels progressivistische Geschichtsphilosophie als auch alle soziologisch-politischen Theorieperspektiven von der Ästhetik fern - und sie konnte sich dabei auch auf Hanslicks Freund Robert Zimmermann stützen, den Doyen der herbartianischen Bewegung in Österreich, der der idealistischen "Verwandlung der Ästhetik in Kunstgeschichte" und der durch solche "Geistesanarchie" beförderten politischen Anarchie nur kurz zuvor eine karrierefördernde Polemik gewidmet hatte.

Die strenge Ausscheidung aller sozialen und politischen Analysemomente war für junge österreichische Akademiker geradezu zu einer Eintrittskarte in die wissenschaftliche Welt geworden; noch 1845, in den Richtlinien zur Gründung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, findet sich die Direktive, die Arbeitsbereiche seien so einzurichten, dass "alle ideologischen Zweige des Wissens" ausgeklammert blieben - insbesondere seien "Staat, Kirche mit allen daran geknüpften Sozialfragen auszuschließen".

Die Idee einer "Reinheit" der Methode, die sich im Rahmen des Autonomieprinzips mit seiner strengen Trennung von Gattungen und Disziplinen entwickelte, war so zur Jahrhundertmitte im Wesentlichen noch Teil einer konservativen Agenda - eine Situation, die sich an der Wende zur Moderne entscheidend ändert, als Puristen wie Schönberg, Loos oder Kelsen den Autonomiegedanken ganz in den Dienst der Erneuerung stellen.

Konservativ, mit modernisierenden Konsequenzen, wirkte auch Hanslicks Formalismus, der sich mit seiner besonderen Betonung des kreativ-geistigen Moments allerdings klar von der statisch-ahistorischen Ästhetik der Herbartianer absetzte. Hanslicks "tönend bewegte Formen" sind weniger im Sinn einer mathematischen Verhältniskonstellation zu verstehen als vielmehr als Versuch, das Objektive der Musik losgelöst von allen subjektiven Rezeptionskomponenten zu erfassen. Im Kern hatte Hanslick so eine Phänomenologie der Musik konzipiert, die allerdings im Gewand der Ästhetik auftrat und durch ihre unklare Verschlingung deskriptiver und normativer Analysemomente heillose Verwirrung stiftete.

Aktuell bis heute

Trotz seiner Schwächen ist Hanslicks Ästhetiktraktat bis heute aktuell geblieben, als Manifest des musikalischen Konservativismus wie als Dokument einer sich verwissenschaftlichenden Kunstgesinnung. Sein radikaler Kognitivismus, der dem Gedanken unbedingten Vorrang vor dem Gefühl gibt, schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen der vernünftelnden Ästhetik des Klassizismus und der nüchternen musikalischen Handwerkslehre der Theoretiker der Zweiten Wiener Schule. Als Kritiker bleibt ihm die musikalische Moderne fremd, auch wenn er die Möglichkeit selbst einer Veränderung des Tonsystems hellsichtig erkannte.

Der deutsche Wagner-Forscher Peter Wapnewski sieht in Hanslick das "Paradigma eines Bildungsbürgers aus dem deutsch-österreichischen neunzehnten Jahrhundert". In seiner persönlichen Haltung und in seinen wissenschaftlichen Überzeugungen spiegeln sich so auch die Widersprüche der Epoche: modernisierende Analyse und konservatives Urteil, strenge Methodengesinnung und feuilletonistische Polemik, liberaler Horizont und deutschnationales Kulturbekenntnis. Als "österreichisches Paradoxon" begegnet uns der "Bismarck der Musikkritik" (Giuseppe Verdi) in Allan Janiks und Stephen Toulmins Wittgensteins Wien. Das mag sein, aber paradoxer als Kraus, Freud oder Wittgenstein war auch er nicht. (Christoph Landerer/DER STANDARD, Album, 23.-24.10.2004)

Der Autor ist Musikwissenschafter an der University of Toronto und der Universität Wien und erforschte unter anderem "Eduard Hanslicks Musikästhetik im Kontext der österreichischen Geistesgeschichte" im Rahmen eines Schrödinger- Stipendiums des Wissenschaftsfonds.
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