Sparschweinerei

19. Februar 2005, 14:56
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Durch diffuses Elitendenken wird daran vorbeigeredet, dass Wissenschaft in Österreich systematisch durch einen Sparkurs verhindert wird - Ein Kommentar der anderen

Wissenschaft muss sexy sein - und nichts ist so sexy wie eine Weltklasseuniversität. Obwohl Frau Ministerin Gehrer Walter Benjamin wohl nicht gelesen hat, setzt sie dessen These, dass die Rechte Politik ästhetisiere, gnadenlos um: Hier also wird Bildungspolitik zum Theater. Durch ein diffuses Elitendenken wird daran vorbeigeredet, dass Wissenschaft in Österreich systematisch durch einen Sparkurs verhindert wird. Das beginnt bei Einsparungen im Schulwesen und setzt sich mit der Überlegung fort, Lehramtsstudien aus der Universität auszugliedern. Das wiederum hat zur Folge, dass die pseudowissenschaftlichen Arbeiten, die Schüler heute zur Matura als "sexy Projekt" abliefern müssen, konsequenterweise von Pseudowissenschaftlern betreut würden.

Auf der Universität sind die Studenten nicht versorgt, auf unserem Institut sind die Lehrveranstaltungen mit bis zu 100 Prozent Überbelegung konfrontiert; und die jungen Wissenschafter - die noch keine Trademark sind, in die man gerne investiert - verbringen, selbst wenn sie Glück haben, Jahre in Warteschleifen, da offene Stellen nicht nachbesetzt werden.

Bildung und Wissenschaft darben, weil mit dem Gerede über gezielte Förderung die Unterlassung der allgemeinen Förderung überdeckt wird. Dabei sollte man sich einmal eingestehen, dass das Wort Entwicklungsplan ein immanenter Widerspruch ist, weil sich etwas entweder entwickelt oder geplant wird. Umwegsrentabilität wird nicht mehr anerkannt; ohnehin verkümmern sollen offenbar jene Wissenschaften, die das Reflexionsniveau jener Gesellschaft gewährleisteten, die diese (vor allem: Geistes-)Wissenschaften abschafft. Und auch abseits dieses Nutzens, der in seiner Subtilität dem Reformwillen Gehrers nicht aufgegangen ist, wäre Wissenschaft um ihrer selbst willen nicht per se illegitim.

Kurzum: Wir haben Weltklassewissenschafter, aber keine Weltklassebildungspolitik – sondern eine, die selbst an der Schaffung normaler Arbeitsbedingungen für den Wissenschaftsbetrieb gescheitert ist. Erst wenn diese gegeben sind, wäre zur Eliteuniversität zu kommen; vielleicht wäre sie dann als mögliche schon geschaffen.

Martin A. Hainz ist Germanist an der Universität Wien
  • Bildung und Wissenschaft darben, weil mit dem Gerede über gezielte Förderung die Unterlassung der allgemeinen Förderung überdeckt wird, klagt der Germanist Martin A. Hainz.
    foto: standard/cremer

    Bildung und Wissenschaft darben, weil mit dem Gerede über gezielte Förderung die Unterlassung der allgemeinen Förderung überdeckt wird, klagt der Germanist Martin A. Hainz.

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