Schmerzen von Kindern oft bagatellisiert

29. Oktober 2004, 10:32
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Experten fordern anlässlich der "Schmerzwoche" Recht auf angemessene Schmerzbehandlung

Wien - Schmerzen von Kindern werden häufig bagatellisiert und bleiben un- oder unterbehandelt. Tatsache ist allerdings, dass vor allem Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter sehr häufig auftreten: Bis zu 74 Prozent der Buben und bis zu 82 Prozent der Mädchen hatten bereits mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen, und die Häufigkeit der Migräne liegt schon bei drei- bis elf-jährigen Kindern zwischen 3,2 und fünf Prozent, hieß es am Freitag in einer Aussendung anlässlich der diesjährigen "Schmerzwoche".

Experten fordern eine angemessene, frühzeitig zu beginnende Schmerzbehandlung für die kleinen Patienten. Ein Problem dabei: Nur wenige für Erwachsene entwickelte Arzneimittel wurden auch für Kinder ausreichend klinisch erprobt und sind für sie zugelassen. Allerdings, die Problematik liegt auch darin, dass man für die Aufnahme von Probanden in klinische Studien eine Zustimmungserklärung mit Rechtsverbindlichkeit benötigt - was bei Kindern schwer zu realisieren ist.

Recht auf Behandlung

"Kinder sind keine halben Erwachsenen. Von vielen Dingen haben sie ihre eigenen Vorstellungen, Schmerzen aber empfinden sie genau so stark, im Neugeborenenalter sogar stärker als Erwachsene, und sie haben das Anrecht auf eine angemessene Schmerzbehandlung", sagte Univ.-Doz. Dr. Rudolf Likar, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz am LKH Klagenfurt und zukünftiger Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft anlässlich der 4. Österreichischen Schmerzwoche.

Einige dieser inzwischen widerlegten Vorstellungen sind, dass Frühgeborene keine Schmerzen spüren, dass Neugeborene höhere Schmerzschwellen haben, dass Kinder sich kaum an durchlittene Schmerzen erinnern können, oder dass sich kindliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen generell "auswachsen". Likar: "Das ist alles völlig falsch. Schmerzen von Kindern müssen unbedingt angemessen behandelt werden. Denn Schmerzreize hinterlassen im heranreifenden Nervensystem eine Gedächtnisspur, das 'Schmerzgedächtnis'. Chronifizierungs-Prozesse können schon in der Kindheit einsetzen, wenn Schmerzen nicht ausreichend behandelt werden. Es ist von vorrangiger Bedeutung, Schmerz leidende Kinder nicht zu konditionieren."

Niedrigere Schmerzschwellen

Heute sei bekannt, dass Schmerzschwellen bei Früh- und Neugeborenen sogar generell niedriger, und dass die Schmerzreaktionen stärker ausgeprägt sind als bei Jugendlichen oder Erwachsenen. Vor allem Kopfschmerzen sind für Kinder und Jugendliche ein häufiges Problem. Aus einer Facharbeit von Univ.-Prof. Dr. Cicek Wöber-Bingöl von der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters geht hervor, dass bis zu 74 Prozent der Buben und bis zu 82 Prozent der Mädchen bereits mindestens einmal in ihrem Leben Kopfschmerzen hatten. Die Häufigkeit der Migräne liegt bei drei- bis elfjährigen Kindern zwischen 3,2 und 5 Prozent und steigt danach bis zum 18. Lebensjahr bei Burschen auf bis zu 11,3 Prozent und bei Mädchen auf bis zu 17,7 Prozent.

"In der Therapie der kindlichen Migräne ist der erste Schritt das Erkennen und Vermeiden von Triggerfaktoren sowie gegebenenfalls eine Änderung des Lebensstils", so Prof. Wöber-Bingöl. "In der akuten Attacke sollten die Eltern für Reizabschirmung und eine entspannend-beruhigende Atmosphäre sorgen und sich selbst ruhig-zurückhaltend verhalten. Gerade bei (kleineren) Kindern vermögen wenige Stunden Schlaf oder ein vorgezogener Nachtschlaf die Attacke zu kupieren."

Bei lang anhaltenden und schweren Beschwerden sollte allerdings mit einer medikamentösen Behandlung begonnen werden. Zur Kupierung von Attacken werden in erster Linie Paracetamol, Metamizol und Ibuprofen eingesetzt. Bei starken Schmerzen - zum Beispiel im Rahmen von bösartigen Erkrankungen - sollten auch Opioide eingesetzt werden. (APA)

  • Schmerzreaktionen sind bei Kindern stärker ausgeprägt sind als bei Jugendlichen oder Erwachsenen.
    foto: photodisc

    Schmerzreaktionen sind bei Kindern stärker ausgeprägt sind als bei Jugendlichen oder Erwachsenen.

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