US-Offiziere: CIA an Misshandlungen in Abu Ghraib beteiligt

5. Dezember 2004, 11:02
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Zeugen widersprechen vor Gericht den offiziellen Angabe, die Misshandlung seien das Werk einzelner "schwarzer Schafe" gewesen

Bagdad - In einem Gerichtsverfahren um die Misshandlung irakischer Häftlinge im Militärgefängnis Abu Ghraib haben zwei US-Offiziere schwere Vorwürfe gegen US-Geheimdienste und die Militärführung erhoben. Der Geheimdienst CIA habe bei der Misshandlung der Gefangenen teilweise die Regie geführt, sagte einer der US-Militärs im Zeugenstand aus. Der Andere legte als Beweisstück ein E-Mail vor, derzufolge die Militärführung angeordnet habe, "die Samthandschuhe auszuziehen". Bisher hat die US-Regierung erklärt, die Misshandlung und sexuelle Peinigung seien das Werk einzelner "schwarzer Schafe" unter den Soldaten gewesen, die auf eigene Initiative gehandelt hätten.

Panik-Attacken

In die Misshandlung der Gefangenen sei der US-Geheimdienst CIA verwickelt gewesen, sagte Hauptmann Donald Reese, der als Militärpolizist in Abu Ghraib war. Mitarbeiter des CIA hätten Gefangene nachts verhört, wenn die Überwachung nicht so intensiv gewesen sei. Ein Insasse sei von dem Geheimdienstmitarbeitern am Schlaf gehindert worden und habe Panik-Attacken erlitten, sagte Reese aus. "Sie kamen zu jeder Tageszeit. Sie kamen durch die Hintertür und brachten Gefangene in eine der Zellen. Uns wurde gesagt, sie kämen später wieder", sagte Reese in einer Video-Übertragung aus den USA, die in Bagdad gezeigt wurde.

Überblick

In dem Gefängnis habe es so viele Mitarbeiter verschiedener Geheimdienste gegeben, dass es schwierig gewesen sei, den Überblick zu behalten. Neben den CIA seien auch das FBI, Militärgeheimdienste und Militärpolizei dort gewesen. "Es war sehr verwirrend", sagte Reese. "Manchmal trugen sie Zivilkleidung, manchmal trugen sie Militäruniformen." Kurz nachdem er im Oktober in Abu Ghraib angekommen sei, habe er nackte Häftlinge gesehen. "Mir wurde gesagt, das seien Aktionen des Militärgeheimdienstes und dass es eine akzeptierte Praxis sei", sagte Reese.

Samthandschuhe

Nach Reese trat Feldwebel Kevin Kramer vom Militärgeheimdienst in den Zeugenstand. Er habe im August ein E-Mail erhalten, in der er aufgefordert worden sei, bei den Verhören stärker durchzugreifen. Das E-Mail, die in dem Prozess als Beweismittel vorgelegt wurde, sei aus dem US- geführten Militär-Hauptquartier in Bagdad gekommen. Den Soldaten sei darin vorgeworfen worden, nicht genug Informationen zu beschaffen.

Er und andere in vergleichbaren Positionen seien aufgefordert worden "die Samthandschuhe auszuziehen". "Die Samthandschuhe, meine Herren, kommen, was diese Gefangenen betrifft, jetzt runter", heißt es in dem Schreiben. Der Verfasser wünsche, dass die Gefangenen "gebrochen" würden. "Sie versuchten, uns zu aggressiveren Verhören zu bewegen", sagte Kramer. Auf die Frage von Fredericks Anwalt, wie die Reaktion der Soldaten auf das E-Mail gewesen sei, antwortete Kramer: "Wir standen fast unter Schock." Er habe bezweifelt, ob das US-Militärkommando die Genfer Konventionen kenne oder sie verstanden habe.

Anhörungen gegen zwei weitere US-Soldaten begonnen

Vor einem Militärgericht in Bagdad hat am Freitag die Anhörung eines weiteren US-Soldaten im Abu-Ghraib-Skandal begonnen. Dem Stabsgefreiten Charles Graner wird vorgeworfen, irakische Häftlinge in dem berüchtigten Gefängnis bei Bagdad misshandelt zu haben. Richter James Pohl wies zu Beginn der Anhörung den Antrag der Verteidiger zurück, einen Psychologen ihrer Wahl in den Zeugenstand zu rufen.

Dieser war an einer Studie beteiligt, in der Studenten der Stanford-Universität Gefängniswärter spielen sollten und binnen weniger Tage ihre Gefangenen zu misshandeln begannen. Stattdessen kündigte Pohl an, die US-Regierung werde einen Psychologen berufen, der sich innerhalb einer Woche mit Graner befassen werde.

Ebenfalls am Freitag sollte der US-Gefreite Javal Davis vor Gericht gehört werden. Nach Angaben seines Anwalts wollte er auf nicht schuldig plädieren und die Verlegung seines Prozesses in die USA beantragen. Am Donnerstag war der bisher ranghöchste Angeklagte in dem Folterskandal zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Das Militärgericht befand Ivan Frederick für schuldig, irakische Gefangene misshandelt zu haben. Der 38-Jährige soll zudem degradiert und unehrenhaft aus der Armee entlassen werden. Es ist bereits das dritte Urteil in dem Skandal: Ein US-Soldat musste für ein Jahr ins Gefängnis, ein Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes acht Monate. (APA/Reuters)

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