Der Preis des Abenteuers

24. Oktober 2004, 23:10
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Porträt eines ehemaligen afrikanischen Filmstars: "Al'lèèssi ... une actrice africaine" von Rahmatou Keita

Das Porträt eines ehemaligen afrikanischen Filmstars als eher trister Epilog zu Aufbruchsbewegungen der 60er-Jahre: Rahmatou Keitas sehenswerter Dokumentarfilm "Al'leessi . . . Une actrice africaine".


Im Alltag von Zalika Souley deutet nichts darauf hin, dass die Frau, die auf den Märkten von Niamey die kargen Tagesrationen für sich und ihre Familie einkauft, einmal tatsächlich ein Star des afrikanischen Kinos war.

Und doch war sie das Gesicht eines vehementen Aufbruchs, der in den Sechzigerjahren nach der Entkolonialisierung auch die populäre Kultur der Staaten südlich der Sahara erfasste. Im Niger waren es Regisseure wie Oumarou Gande oder Moustapha Alassane, die eine internationale Filmsprache in die lokalen Bedingungen zu übersetzen versuchten. 1966 drehte Alassane den halbstündigen Kurzfilm Le retour d'un aventurier. Ein junger Mann kehrt darin in ein Dorf zurück.

Er hat einen Cowboyanzug mitgebracht und auch eine vage Vorstellung davon, was ein "Wild Bunch" in Afrika zu tun hätte. Er gründet eine Bande. Das Gemeinwesen leidet zunehmend unter den Extravaganzen der jungen Leute, die auf ihren Pferden hinter den Giraffen herjagen, anstatt sich zu Füßen der Dorfältesten zu setzen und deren Autorität zu würdigen.

Inmitten der Cowboys ist eine junge Frau: Zalika Souley spielt in Le retour d'un aventurier eine Räuberbraut. Die Rolle hat ihr Ruhm und neue Filmangebote eingebracht, aber langfristig wenig Glück, wie Rahmatou Keita in dem Dokumentarfilm Al'leessi ... Une actrice africaine herausfindet. Die Differenz zwischen den Rollen und dem Leben der Schauspielerin wird in einer Kultur, die durchaus auch Züge einer religiösen (muslimischen) Kontrollgesellschaft hat, nicht immer akzeptiert.

Zalika Souley verkörperte fast immer selbstbewusste Frauen, die ihre sexuelle Attraktivität nicht verstecken. In der patriarchalischen Ordnung des Niger machte sie sich damit zur Außenseiterin. Sie stand persönlich für die Modernisierungskonflikte in einem Land, in dem die informellen Instanzen noch immer die größte Bedeutung haben.

Die Bande aus Le retour d'un aventurier steht für eine Anpassung an westliche Stilformen, die manchmal wie eine Übersprunghandlung wirkt - der Film bezieht daraus seine Komik. Innerhalb von Rahmatou Keitas Recherche ist die Wiederentdeckung von Moustapha Alassane das eigentliche Ereignis. Eine Energie ist darin erkennbar, die später erst wieder in den frühen Siebzigerjahren in Touki Bouki des Senegalesen Djibril Djiop Mambety in Erscheinung trat, dort jedoch mit Blick auf Frankreich.

Das postkoloniale afrikanische Kino ist nach starken Anfängen relativ schnell in eine neue Abhängigkeit von europäischen Koproduzenten zurückgefallen. Rahmatou Keita, die in Niamey geboren wurde, hat auch in Paris studiert, am Institut National des Langues et Civilisations Orientales. In den Neunzigerjahren hat sie eine Fernsehserie über afrikanische Frauen gestaltet, zu der sich die Geschichte von Zalika Souley wie ein nicht allzu optimistischer Epilog begreifen lässt: Sie hat ihre Filmkarriere nicht zu einem Kapital machen können, muss sich wieder Tag für Tag durchbringen mit ihren vier Kindern.

Ihre Geschichte wird in Al'leessi ... Une actrice africaine rekonstruiert aus Interviews mit den Regisseuren, vor allem aber aus den Erinnerungen der Schauspielerin selbst - und Ausschnitten aus Filmen, die im Westen kaum bekannt sind. Zu Unrecht, wie man in Le retour d'un aventurier erkennen kann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2004)

Von
Bert Rebhandl

26. 10., 16.00
Metro

27. 10., 21.00
Urania
  • Artikelbild
    foto: viennale
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