Das Leben als Rätsel

24. Oktober 2004, 23:16
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Perspektivenwechsel: Catarina Ruivos Spielfilmdebüt "André Valente"

Eine Frau, deren fünfjähriger Sohn sie nur aus Erzählungen kennt, bemüht sich, eine Beziehung herzustellen. Sie kauft ihm ein Plüschtier, geht mit ihm in den Zoo und sieht sich zunächst mit hartnäckiger Zurückweisung konfrontiert. Eine andere, zwischen alltäglichem Nahkampf ums wirtschaftliche Überleben und ihrer Kokainsucht gefangen, ist bestrebt, gegenüber ihren Kindern den Anschein von Normalität zu wahren. Dass diese längst mehr wissen, als sie ahnt, bleibt hier in beiläufigen Szenen am Rande angedeutet.

Eine dritte schließlich verliert ihr Enkelkind nur einen entscheidenden Moment lang aus den Augen - im Programm der Viennale waren solche Konstellationen und Situationen heuer immer wieder Teil von Frauenporträts oder Anlass zur Beobachtung von Verhaltensweisen.

Undurchschaubar

Die junge portugiesische Regisseurin Catarina Ruivo verschiebt in ihrem Langfilmdebüt André Valente dagegen die Perspektive auf die Wahrnehmung ihrer kindlichen Hauptfigur: Die Erwachsenen sind es hier, die, verstrickt in ihre eigenen Probleme, nur zum Teil durchschaubare Handlungen setzen. Der achtjährige André (Leonardo Viveiros) zieht daraus seine ganz eigenen Schlussfolgerungen, die sich mitunter als Missverständnisse erweisen.

André lebt alleine mit seiner Mutter (Rita Durao) in Lissabon. Der Vater hat die Familie zu Beginn des Films überstürzt und mit unbekanntem Ziel verlassen. Die Mutter, in der Folge mit ihrer eigenen Situation überfordert, kann ihren Verpflichtungen gegenüber dem Sohn nur mit Mühe nachkommen. Dieser erlebt das Verschwinden des Vaters und die Traurigkeit der Mutter als undurchsichtige Vorgänge, die vor allem ein Gefühl der Verunsicherung und Ängste vor dem Alleingelassenwerden hinterlassen.

In dieses labile Gefüge tritt eines Tages ein neuer Nachbar (Dimitri Bogomolov). André, häufig sich selbst überlassen, beginnt den Mann, einen russischen Exilanten, zu beobachten. Er entdeckt, dass dieser nach der Arbeit Trainingsstunden auf dem Eislaufplatz absolviert, und macht sich dessen Passion fürs Schlittschuhlaufen zu Eigen. Und er erträumt sich einen neuen Familienverbund - nicht ahnend, dass seine Wunschvorstellungen an der Realität und der Kompliziertheit von Beziehungen scheitern müssen.

Ruivo, deren Film mitunter an die thematisch verwandten Arbeiten von Sandrine Veysset erinnert (Victor ... pendant qu'il est trop tard, u. a.), erzählt diese Geschichte über Beobachtungen. Geredet wird nicht viel. Stattdessen teilt man die unsentimentale Wahrnehmung eines Alltags, den die Unwägbarkeiten erwachsenen Handelns fortwährend komplizieren und den dennoch kleine Wünsche überlagern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2004)

Von
Isabella Reicher

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  • Artikelbild
    foto: viennale
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