Zurück zum Anfang vor dem Anfang

24. Oktober 2004, 23:10
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Der ostdeutsche Regisseur Volker Koepp im Interview über "Dieses Jahr in Czernowitz"

Mit "Dieses Jahr in Czernowitz" kehrt der ostdeutsche Filmemacher Volker Koepp an den Schauplatz eines seiner schönsten Werke, "Herr Zwilling und Frau Zuckermann", zurück. Bert Rebhandl sprach mit ihm.


Harvey Keitel hat sich ganz feierlich angezogen für den großen Moment: Er kehrt nach Czernowitz zurück, an den Ort seiner ganz frühen Kindheit. Er kann sich kaum mehr erinnern an die Stadt in der Bukowina, an der Grenze der Ukraine zu Rumänien. Aber er hat Gedichte von Paul Celan dabei. Die Stadtführerin verweist ihn stolz auf ein Café, in dem früher hundert Tageszeitungen auflagen, gelesen von Menschen in einer blühenden intellektuellen Kultur mit Verbindungen in alle Welt.

Ähnlich wie der in New York lebende US-Star kehren in Volker Koepps neuem Film Dieses Jahr in Czernowitz eine ganze Reihe von Menschen in das heutige Czernivzi zurück: Norman Manea, ein Intellektueller aus New York, Eduard Weissmann, ein Musiker aus Berlin, Katja Rainer und Evelyne Mayer, zwei Schwestern aus Wien. Sie alle sind der Stadt, in der Herr Zwilling und Frau Zuckermann - die Hauptfiguren in einem der erfolgreichsten Filme von Koepp - lebten, durch ihre Familiengeschichten verbunden.

Nun hat der Dokumentarfilmer für sie eine Heimreise organisiert. Er hat seine Protagonisten an jenen Orten aufgesucht, an denen sie jetzt leben, und er hat sie dann begleitet auf ihrer Fahrt zu dem "Anfang vor dem Anfang" (Norman Manea), in eine Welt, die der eigenen Biografie vorauslag, in eine jüdische Kultur, die durch den Krieg und die Vernichtungspolitik der Deutschen unterging.

Dieses Jahr in Czernowitz ist ein exzellentes Beispiel für den Übergang zu einer Erinnerung durch Adoption - eine neue Generation macht sich eine Geschichte zu Eigen, deren Zeugen schon aussterben.

Der neunzigjährige Johann Schlamp, der immer noch in Czernivzi lebt, ist ein Verbindungsmann. Er kann sich noch an ein Orchester erinnern, in dem Eduard Weissmann einmal gespielt hat. Heute sitzt er allein in einem alten Haus, aber er singt unverdrossen seine Lieder.

Norman Manea, dessen hochinteressante Autobiografie Die Rückkehr des Hooligans im vergangenen Frühjahr erschienen ist, prägt den Film mit den "Strategien des Exils: Skepsis und Ergebenheit". Die Bukowina war einmal ein Paradies, schreibt Manea, sie ist aber auch der Ort, an dem sich die kommunistischen Greuel mit den früheren des Faschismus rumänischer und deutscher Prägung verschränkten.

Dieses Jahr in Czernowitz ist aber auch ein Film über 1989: Volker Koepp öffnet den Blick auf die Gegenwart, auf die neuen Wege nach Westen, die einer Studentin offen stehen, die nach Jena geht. Irgendwann wird sie eine neue Paradieseserzählung über das ferne Czernowitz vortragen - zumindest erscheint dies wahrscheinlich nach diesem Film.


STANDARD: Herr Koepp, wie hat sich Dieses Jahr in Czernowitz entwickelt? Haben Sie einfach weitergemacht, wo Herr Zwilling und Frau Zuckermann aufgehört hat?

Volker Koepp: Ich fahre immer gerne noch einmal dahin, wo ich schon einmal gedreht habe. Mich hat nun auch interessiert, was es bedeutet, wenn eine Region kulturell so entvölkert ist, während man auf der ganzen Welt außergewöhnliche Menschen trifft, die von dort stammen. Erwin Chargaff, mit dem ich in New York einen Termin hatte, der dann jedoch verstorben ist, bevor wir drehen konnten, sagte auch: "Irgendwas muss mit Czernowitz sein!" Und der Onkel von Frau Weissmann: "Es sieht aus, als wären es einmal eine Million Czernowitzer gewesen, dabei waren es 150.000."

STANDARD: Wie sind Sie zu Ihren Protagonisten gekommen?

Koepp: Eduard Weissmann, der Cellist, sprach mich nach einer Berliner Vorführung von Herr Zwilling und Frau Zuckermann an. Dann hörte ich, dass Harvey Keitel in Frankfurt/Oder Celan-Gedichte gelesen hätte. Eine Bekannte hat ihm eine Kassette von Herr Zwilling besorgt. Später haben wir uns in Berlin getroffen. Er sagte, dass er in Czernowitz gern Celan lesen würde.

STANDARD: Dieses Jahr in Czernowitz erzählt von Menschen, die einen Ort wieder aufsuchen, den sie selbst eigentlich gar nicht mehr erlebt haben.

Koepp: Ja. Wobei ich immer davon ausgegangen bin, dass es auch ein gegenwärtiges Leben gibt. Der alte Deutsche Johann Schlamp steht auf beiden Seiten. Ich wusste vor den Dreharbeiten zum Beispiel nicht, dass er im jüdischen Orchester gesungen hat, in dem der Onkel von Herrn Weissmann Mitglied war.

STANDARD: Eine zweite Diaspora beginnt nach 1989. Die Studentin Tanja geht nach Jena, die Talentierten gehen erneut nach Westen.

Koepp: Ja, aber sie möchte auch zurückkehren. Erstaunlich ist, dass bei den alten und jüngeren Czernowitzern diese frühere Mitte Europas so nachwirkt, dass so deutlich wird, was für ein Verlust entstanden ist, seit diese Landschaft im Abseits liegt.

STANDARD: Es gibt zwei Großlandschaften in Ihrem Werk: die preußische und die habsburgische. Gibt es da Verbindungen?

Koepp: Wenn man es sich auf der Landkarte anguckt, kann man eine Nord-Süd-Achse ziehen. Es sind Gegenden, in denen immer verschiedene Nationalitäten gelebt haben. Historisch war die Landschaft östlich der Elbe schon seit Jahrhunderten anders, weil anders gebaut wurde und anders getrunken. Ich gehe davon aus, dass die Osteuropäer viel stärker in der Erinnerung leben, dass die Gegenwart ihnen suspekt ist, ganz zu schweigen von der Zukunft.

Diese Mentalität interessiert mich. Wenn ich den polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk lese, dann empfinde ich fast so etwas wie Erkenntnis-Genugtuung. Obwohl ich eigentlich das Meer mehr liebe als die Berge, habe ich da in die Richtung zu fahren inzwischen fast so viel Sehnsucht wie an die Ostsee.

STANDARD: 1989 empfanden Sie gar nicht als großen Aufbruch?

Koepp: Ach, klar habe ich mich auch gefreut. Als ich Arkona-Rhethra-Vineta drehte, das war im Frühjahr 1989, da haben wir ja auch Sachen besprochen, die schon in diese Richtung gewiesen haben. Ich habe aber meinen Ansatz, Leuten zu begegnen, nicht verändert. Auf der anderen Seite bin ich, obwohl es mir eigentlich schnuppe ist, bekennender Ostdeutscher. Wenn man so lange im Osten gelebt hat, ist die Gangart eine andere.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.10.2004)

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